Wege raus aus dem Dunkel
Körperpsychotherapie
Körperpsychotherapie

Körperpsychotherapie

Was ist eigentlich Körperpsychotherapie?

Im Rahmen meines teilstationären Klinikaufenthaltes wegen meiner Borderline-Persönlichkeitsstörung, haben wir einmal pro Woche Körperpsychsotherapie (KPT). Das DBT-Konzept nach dem die Klinik vorgeht ist eigentlich ein verhaltenstherapeutisches Konzept, KPT hingegen kommt aus der Tiefenpsychologie. Der Ausgangspunkt ist die Annahme, dass es eine untrennbare Verbindung zwischen dem Körper und der Psyche gibt. Es geht darum, über die Körperwahrnehmung unbewusste und verdrängte Erinnerungen, Erlebnisse oder Gefühle wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Für mich stellt diese Therapieform eine der wertvollsten Stunden in der Klinik dar, da ich dort am meisten mitnehmen kann. Da ich oft Schwierigkeiten habe Zugriff zu meinen Gefühlen zu finden, bin ich dankbar über die KPT, bei der es mir deutlich leichter fällt, Gefühle zu spüren und auch zuzulassen. Jede Stunde ist eine neue Entdeckungsreise und ich lerne viel dazu.

Beispiele einer KPT – Stunde

Damit ihr besser nachvollziehen könnte, was KPT ist, hier ein paar Beispiele aus den bisherigen Stunden:

Grenzen setzen

In dieser Stunde ging es um unsere persönlichen Grenzen. Um die Frage, wann uns jemand zu nahe kommt und damit eine Grenze überschreitet. Zunächst sollten wir uns irgendwo im Raum einen Platz suchen, an dem wir uns wohl fühlen, und diesen so einrichten, dass wir dort für eine Weile bleiben wollen. Eine hat sich einen Sitzball genommen und an die Wand gesetzt, eine andere saß auf einem Sitzkissen vor dem Fenster, ich selbst saß zwischen zwei Schränken in der Ecke – möglichst viel Schutz von allen Seiten. Dann ist unsere Therapeutin herum gelaufen und auf uns zu gegangen und immer, wenn sie uns zu nahe kam, sollten wir STOPP sagen, also unsere Grenze aufzeigen. In einem nächsten Schritt haben wir diese Grenzen dann mit einem Hilfsmittel unserer Wahl visualisiert: Ich habe ein Seil genommen. Dann ist die Therapeutin wieder im Raum umher gegangen und meinte, sie werde die Grenzen achten und nicht überschreiten, wir müssten also nichts mehr sagen. In einem letzten Schritt wurde dann besprochen, wie wir uns gefühlt haben und ob es einen Unterschied gemacht hat, ob wir STOPP sagen sollten oder die Grenzen sichtbar gelegt wurden.

Das war ziemlich spannend, da jeder die Situationen unterschiedlich beurteilt hat. Für mich war die zweite Variante – die Grenzen liegen auf dem Boden – stressiger, weil ich die ganze Zeit Angst hatte, sie würde über meine Grenze drüber steigen. Sie missachten. Wenn ich STOPP sagen muss, dann ist da zumindest keine sichtbare Grenze, die überschritten wird, und ich hatte das Gefühl mehr Kontrolle und Sicherheit zu haben. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass ich nur STOPP gesagt habe und sagen konnte, weil sie vorher ausdrücklich meinte, dass wir es tun sollen. Hätte sie das nicht gesagt, wäre es mir extrem schwer gefallen und ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas gesagt hätte.

Unser Leben in einem Kreis

In einer anderen Stunde ging es darum, dass wir einen Hula Hoop Ring vor uns auf den Boden legen sollten. Dann konnten wir aus verschiedenen Gegenstände diejenigen aussuchen, die unser Leben jetzt gerade in diesem Moment am besten repräsentieren. Es konnten so viele Gegenstände sein, wie man wollte. Dann haben wir uns im Raum umher bewegt und unseren Ring mit den Gegenständen von verschiedenen Positionen aus betrachtet und nachgespürt, ob der Anblick etwas mit uns macht und falls ja, was genau.

In einem zweiten Schritt sollten wir dann sämtliche Gegenstände entfernen, die mit unserer Erkrankung zu tun haben. Das Ergebnis wurde wieder betrachtet und erneut beobachtet, was wir dabei fühlen. Wie ist es, den Kreis ohne die belastenden Gegenstände zu betrachten? Was für ein Humbug, könnte man meinen. Und ja, ich gebe zu, dass es ein klein wenig merkwürdig klingt. Vielleicht fragt ihr euch auch, was genau das bitte bringen soll… Ganz ehrlich? Eine Menge, zumindest bei mir. Am Anfang der Stunde konnte ich meine Gefühle nicht einordnen. Sie waren diffus, kaum zu erkennen, überlagert vom Schwindel der Migräne. Doch durch das Herausnehmen der „Krankheits-Gegenstände“ ist mir bewusst geworden, dass im Prinzip mein gesamtes Leben momentan von meiner Erkrankung eingenommen und geprägt ist. Bin ich tatsächlich nur die Erkrankung? Verschwinde ich, wenn sie weg ist? Was bleibt? Nicht viel… Das hat mich ziemlich traurig gemacht und auch verzweifeln lassen, sodass ich am Ende der Stunde meine Gefühle – Trauer und Verzweiflung – gut identifizieren konnte.

Liegen geblieben ist ein kleines Herz, das vorher in einer Truhe versteckt war als Sympbol, dass ich schwer Zugang zu meinen Gefühlen habe. Liegen geblieben ist es für mich, da ich im Herzen vor allem meine Geschwister und Cousine trage, die auch ohne Krankheit enorm wichtig für mich sind. Während der Stunde dachte ich noch: Schade, dass nur etwas liegen bleibt, dass nicht mal mich, sondern wen anderes symbolisieren soll. Doch im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es ja auch anders sein kann: Vielleicht habe ich das Herz liegen gelassen, weil ich mir mehr geordnete Gefühle, mehr klare Emotionen in meinem Leben wünsche. Weil das Herz für Leben, für Gesundheit und Liebe steht. Weil mir das am Wichtigsten ist: Gesundheit, Liebe, Verbundenheit. Alles andere materielle ist zwar schön und gut, aber eben nicht das essentielle für mich. Wenn ich es so betrachte, stimmt es mich sogar freudig und nicht mehr traurig. Denn dann bin ich auf dem richtigen Weg. Zwar ist er lang, aber immerhin stimmt die Richtung.

Fazit

Das waren nur zwei Beispiele und jede Stunde ist anders aufgebaut. Aber ich hoffe, es gibt euch einen kleinen Einblick in die Art und Weise wie KPT wirkt. Ich freue mich auf jede Stunde, auch wenn ich weiß, dass es sehr anstrengend werden kann. Aber ohne Anstrengung und Arbeit, komme ich auch nicht voran. Ich muss mich meinen Ängsten und verborgenen Emotionen stellen, um nicht mit ihnen unterzugehen. Ich bin dankbar dafür, dass mir die KPT in dieser Klinik so zusagt!

Anmerkungen:
Text: Juli 2021.
Foto: KPT Klinik LVR Köln, Juli 2021©Kristine.

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