Wege raus aus dem Dunkel
Neues Jahr – Neue Diagnose
Neues Jahr – Neue Diagnose

Neues Jahr – Neue Diagnose

Borderline, ich? Nein… Auf keinen Fall!! Das kann nicht sein, das ist doch nicht heilbar! Das würde bedeuten, ich muss mein Leben lang weiter kämpfen! Und muss man sich dafür nicht ganz krass selbst verletzen? Und dauernd wütend ausrasten, andere anschreien? Das trifft ja nun wirklich alles nicht auf mich zu …

Schritt 1: Realisierung

Oder doch? Und stimmt das überhaupt? Nach 3,5 Jahren schwerer Krankheit, dem Kampf um jeden Tag, dem Kampf mit der Depression, der Magersucht und den Ängsten, hat mir das neue Jahr 2021 eine neue Diagnose beschwert: Emotional-instabile-Persönlichkeitsstörung, oder auch Borderline. Meine erste Reaktion: Nein, nicht noch eine Diagnose! Meine zweite Reaktion: Nein, kein Borderline – das ist doch nicht behandelbar! Meine dritte Reaktion: Na gut, ich informiere mich mal. Und das war wohl die sinnvollste Reaktion, denn im Laufe der Recherche stellte sich heraus: Borderline-Persönlichkeitsstörungen lassen sich hervorragend therapieren und die Symptome gehen dadurch in der Regel komplett zurück. Außerdem merkte ich schnell, dass der Begriff Borderline-Persönlichkeitsstörung sehr viele verschiedene Symptome in verschiedenen Ausprägungen umfasst, vgl. DSM-5, von denen ich vorher nichts wusste. Aber vor allem habe ich gemerkt, dass mich das Lesen der Symptome in gewisser Weise beruhigt hat. Denn: Es erklärt viele Situationen in meiner Vergangenheit, mit denen ich mich bis heute nur schwer anfreunden kann und mich immer noch frage, wie es dazu kommen konnte. Weshalb ich in bestimmten Situationen so reagiert habe, wie ich reagiert habe. Wie ich so irrational, teils selbstschädigend sein konnte. Mich so ausnutzen lassen konnte. Dank der Diagnose verstehe ich es jetzt: Der Grund ist eine Erkrankung. Eine Erkrankung, die nicht erst seit der Diagnose vor ein paar Wochen vorliegt, sondern mich wohl schon seit über 10 Jahren begleitet.

Schritt 2: Informieren

Aber was für Probleme sind kennzeichnend für eine Borderline-Störung? Diese können in 5 Bereiche unterteilt werden:

Zunächst sind dort die Störungen der Emotionsregulation, was Stimmungsschwankungen und eine Schwierigkeit, Gefühle zu steuern, bedeutet. Störungen des Denkens sind u.a. Dissoziationen, Flashbacks, Pseudohalluzinationen, paranoides Denken und eine negative Grundanname (v.a. eine schlechte Meinung von sich selbst). Störungen der Selbstwahrnehmung führen zu Gefühlen von Unsicherheit, Fremdheit und Ekel im Umgang mit sich und dem eigenen Körper. Außerdem hängt damit das Gefühl „anders“ zu sein, als alle anderen, zusammen und es gibt starke Unsicherheiten bezüglich Zukunftszielen, der eigenen Meinung und Entscheidungen. Die Störungen im zwischenmenschlichen Bereich können zu intensiven aber sehr unsicheren Beziehungen führen, es findet ein Wechsel zwischen Überbewertung und Abwertung einer Person statt und es herrscht eine extreme Angst vor dem Verlassen werden, gepaart mit einer Angst vor Nähe. Als letztes bedeuten Störungen auf der Verhaltensebene, dass impulsive und selbstschädigende Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, oft auch Hochrisikoverhalten.

Schritt 3: Analysieren

Natürlich trifft selten alles zu und es gibt unterschiedliche Stärkegrade. Aber allein die Diagnose und das Wiederfinden in den genannten Problemfeldern, bedeutet für mich, dass ich nicht total anders und merkwürdig bin, denn so fühle ich mich oft: Fremd, außen vor, eben anders. Denn das ist Teil der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Außerdem erklärt sie meine sehr stark ausgeprägten Verlassensängste, die bereits dann Alarmschlagen, wenn mein Partner nur mal einen schlechten Tag hat. Mein sehr unbedachter Umgang mit Alkohol, Feiern, verschiedenen Partnern in meinen zwanzigern lässt sich dadurch ebenfalls einordnen. Die Magersucht – bzw. Essstörungen allgemein – sind ein typisch auftretendes Problem, ebenso wie Depressionen. Meine diffuse innerliche Unruhe und Anspannung, die oft so stark wird, dass ich mir nicht anders zu helfen weiß, als durch Selbstverletzung Ruhe und Entspannung zu erzielen, stellt ebenfalls ein Symptom dar. Das Gefühl nicht zu wissen, wer man eigentlich ist, seine Identität nicht zu finden, ein kaum nennenswertes Selbstwertgefühl, teilweise bis hin zum Selbsthass oder Selbstaufgabe– auch das fällt unter eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Und natürlich die Schwierigkeiten, Gefühle und Emotionen zu regulieren. Plötzlich von rational nicht angebrachten Emotionen überrollt zu werden. Oder diese eben überhaupt nicht zu spüren, da man gelernt hat, sie zurück zu drängen. Aus Angst, darin unterzugehen. Und weil man nicht gelernt hat, mit Gefühlen adäquat umzugehen. Einen normalen Umgang damit zu finden. Zu verstehen, dass es keine schlechten Gefühle gibt, zu verstehen, dass alle hilfreich sind und dass man in der Lage sein kann, diese zu regulieren. Selbstregulation. Eine gesunde Selbstregulation – keine schädliche. Mein Umgang mit ihnen, wenn sie durch die Zurückdrängung so stark werden, dass ich sie nicht mehr aushalte, ist die Selbstverletzung. Denn dadurch tritt Ruhe und Entspannung ein. Die Emotionen klingen ab, sind für einige Zeit ruhig. Das bedeutet aber auch, dass Selbstverletzungsgedanken und Selbsttötungsgedanken fast tagtäglich durch meinen Kopf rasen und dadurch meine Energie aufbrauchen, dass ich versuche, Frau der Lage zu werden. Nicht nach ihnen zu handeln. Mich abzulenken. Mich nicht von ihnen verführen zu lassen. Nicht die einfachste Lösung zu wählen.

Schritt 4: Fazit

Irgendwie bin ich teilweise froh, zu wissen, was mich belastet, denn es gibt spezielle Behandlungsmöglichkeiten. Und es erklärt mir, weshalb es mir in der letzten Klinik immer schlechter ging, weshalb ich dort nicht gut zurecht gekommen bin. Und auch das beruhigt mich. Irgendwie. Andererseits macht es mir aber auch große Angst, lähmt mich und lässt mich resignieren. Denn es bedeutet, dass ein neuer Kampf ansteht. Ein langer Kampf, denn so einfach lassen sich jahrelang aufgebaute und eingeprägte Verhaltens- und Denkmuster eben nicht verändern. Schädliche Muster verändern ist schwierig, weil sie oft auf kurze Sicht gesehen sehr effektiv sind: Natürlich entspannt und beruhigt es mich, wenn ich mich selbst verletze. Eine so schnelle Entspannung ist ansonsten nicht herbeizuführen. Außer vielleicht mit Alkohol oder Drogen. Aber das ist genauso wenig hilfreich. Alles andere erfordert einen starken Willen, Kampfgeist und die tägliche Entscheidung für das Leben und nicht dagegen. Es erfordert den Mut, neue Wege zu gehen und auszuprobieren – erneut. Es erfordert Kraft und Geduld, nicht hilfreiche Gedanken da sein zu lassen, zu akzeptieren, dass es sie gibt, ihnen aber keine Aufmerksamkeit zu schenken. Es erfordert vor allem die Akzeptanz, dass es jetzt eben so ist wie es ist. Ich muss es weder gut finden, noch mögen, aber so ist es eben. Ich kann Wege wählen, damit es mir auf lange Sicht besser geht, aber jetzt in diesem Moment geht es mir eben nicht gut. So ist das. Ich hoffe, dass ich das irgendwann für mich annehmen kann und dadurch meinen Weg finden werde. Einen Weg, mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in Frieden zu leben, ohne mir selbst zu schaden.

Anmerung:
Text: Januar, 2021, Köln.
Foto: Skandinavien, 2020©Kristine.

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