Wege raus aus dem Dunkel
Reisen trotz psychischer Erkrankungen – Was habe ich gelernt?
Reisen trotz psychischer Erkrankungen – Was habe ich gelernt?

Reisen trotz psychischer Erkrankungen – Was habe ich gelernt?

  1. Ich bin in der Lage mir meinen eigenen „Raum“ zu schaffen, auch ohne einen eigenen physischen Raum, indem ich mich in ein Buch vertiefe oder mit noise-cancelling Kopfhörern Hörbucher höre.
  2. Abgrenzung ist wichtig, vor allem, wenn man sich auf so engem Raum befindet. Für mich: Auch wenn ich mich immer verantwortlich fühle für die Stimmung meines Partners – ich bin es nicht. Jeder hat ein Recht auf schlechte Laune genauso wie gute. Nur weil jemand schlechte Laune hat, heißt es nicht, dass er dich verlassen wird!! Das ist für mich aufgrund meiner starken Verlustängste manchmal sehr schwer auszuhalten, aber auch das wurde mit der Zeit besser.
  3. Dank gleicher Struktur jeden Tag, wurde regelmäßiges Essen leichter und ich habe meine Magersuchtsproblematik recht gut in den Griff bekommen.
  4. Die Ruhe und Abwesenheit von Menschen/ Verkehr/ Verpflichtungen helfen mir, weniger gestresst zu sein und mich stabiler und freier zu fühlen.
  5. Dank regelmäßiger Übung habe ich immer mehr Kraft und Vertrauen in mich gesammelt und konnte immer längere Wanderungen machen.
  6. Ich habe meine Grenzen und Bedürfnisse immer deutlicher gespürt (z.B. beim Wandern) und sogar teilweise artikulieren können – z.B. wenn mir eine Wanderung von vornherein als zu lang erschienen ist oder ich eine Pause benötigt habe oder bei der Frage, ob ich Yoga machen möchte, weil ich es will, oder weil mein Bewegungsdrang es mir befiehlt.
  7. Ich habe eine Akzeptanz dafür entwickelt, dass mich Depressionssymptome dann plagen, wenn sie es wollen, nicht dann, wenn ich sie als passend empfinde. Ich kann aber trotzdem weiter handeln! Auch Selbstverletzungs- und Selbsttötungsgedanken machen vor einer Reise nicht halt, aber ich kann ihnen mit Skills begegnen (wichtig: diese Skills sollte man vorher natürlich ausprobiert haben). Mir half es zum Beispiel, mich beim Wandern bewusst auf jeden einzelnen Schritt zu konzentrieren oder von 1000 in 7er Schritten rückwärts zu zählen.
  8. Reisen mit meinem Partner ist sehr entspannend und gut für mich, da ich mich mit ihm und unserem VW-Bus sicher und geborgen fühle – eine Grundvoraussetzung dafür, dass es mir gut gehen kann.
  9. Die Vorbereitung war extrem hilfreich, hat mich beruhigt und absolut notwendig – ohne sie hätte die Reise wohl nicht so gut geklappt. Auch bei jeder einzelnen Wanderung war die Vorbereitung für mich wichtig, um mir Sicherheit zu geben: Warme Klamotten, Essen, Klärung der Frage, ob wir zwischendurch abbrechen können, wenn ich nicht mehr kann, etc.
  10. Es gibt trotz der ganzen psychischen Erkrankungen und des Kampfes auch wunderschöne Momente: Zum Beispiel morgens früh direkt nach dem Aufwachen in den kalten See zu springen, an dem wir campen. Einmal komplett untertauchen und zurück ins Warme, eine Tasse Tee trinken und wieder warm werden. Dabei fühle ich mich endlich mal lebendig, frei, leicht, verspüre ein Zufriedenheits- und Glücksgefühl und eine gewisse Euphorie.

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