Wege raus aus dem Dunkel
Klinikaufenthalte
Klinikaufenthalte

Klinikaufenthalte

Waren die Klinikaufenthalte hilfreich und sinnvoll? Sind Klinikaufenthalte grundsätzlich sinnvoll und hilfreich?
Letzteres ist eine schwierige Frage und ich muss euch direkt enttäuschen: Leider kann ich sie nicht beantworten. Denn ob es hilft oder nicht, ist subjektiv. Bei jedem ist es anders und auch jeder Aufenthalt ist anders – es gibt kein Patentrezept, nichts Allgemeingültiges, was immer greifen würde. Ich habe vor meinem ersten Klinikaufenthalt oft gehört: „Geh‘ doch mal in eine Klinik. XY war auch in einer, 6 Wochen, und danach ging es er/sie wieder richtig gut!“ Ja, das kann sein. Es kann aber auch anders kommen.

Tagesklinik Alteburgerstraße

Mein erster Aufenthalt war 2018 in einer Tagesklinik – 8 Wochen lang. Jeden Tag habe ich mich morgens dorthin gequält, obwohl ich mich körperlich nicht so fit gefühlt habe. Es handelte sich um eine Kriseninterventionsstation, sodass sich dort eine Mischung an Menschen in Krisen, mit oder ohne psychische Erkrankung versammelte. Es wurden Gruppengesprächstherapie, Bewegungs- und Maltherapie angeboten. Die Gruppe wechselte rglm durch, da jede Woche jemand ging und wer neues hinzu kam.

Tagebuch, Klinik Tag 1

Und insgesamt kann ich nur sagen: Es war die Hölle!! Ich war überhaupt nicht in der Verfassung, in so einer Klinik zu sein: Ich wurde von Reizen überflutet, mir ging es psychisch und körperlich (starke Bauchschmerzen) nicht gut und ich habe vor lauter Reizüberflutung mich auf nichts anderes konzentrieren können, als irgendwie zurecht zu kommen. Um diese Überflutung ein wenig abzumildern wurden mir Neuroleptika verschrieben, die die Reizüberflutung zwar ein wenig minimierten, mich aber auch leicht benommen machten. Aus der Gruppengesprächstherapie wurde ich sehr schnell wieder raus genommen – das war einfach zu viel: Ich habe entweder nur geweint oder war so damit beschäftigt, meinen inneren Druck auszuhalten, dass ich ohnehin nichts mitbekommen habe. So lag ich die meiste Zeit im Ruheraum. Alleine und mit zu vielen Gedanken im Kopf.

Auszug Tagebuch Tagesklinik; Halbzeit

Trotzdem habe ich die 8 Wochen durchgezogen, weil ich dachte, ich müsste das tun, damit es mir besser geht. Mittlerweile denke ich, ich hätte rechtzeitig abbrechen sollen. Aber hinterher ist man immer schlauer. Hinzu kommt, dass die Räumlichkeiten der Tagesklinik einfach eine Katastrophe waren. Alles war irgendwie klein und eng. Auch die Küche/ Essbereich, wodurch es dort extrem laut und kaum auszuhalten war. So wurde auch das tägliche Essen zu einer Tortur. Wobei ich im Nachhinein denke, dass sich auch da die Magersucht schon langsam angeschlichen hat und das Essen erschwert hat.

Nachdem ich nach diesem Klinikaufenthalt dann einen neuen Einzeltherapeuten gesucht habe, aber nur eine Gruppentherapie gefunden habe, habe ich eben eine Gruppentherapie angefangen. Auch das hat mir – rückblickend – glaube ich nicht so gut getan. Mir ging es vor jeder Stunde sehr schlecht und ich hatte Angst, dort zu sprechen. Richtig wohl habe ich mich nie gefühlt – ich weiß aber auch nicht, ob das das Ziel ist?! Da ich aber auch keine Kraft hatte, mich anderweitig um etwas anderes zu kümmern, habe ich dort einfach weiter gemacht. Wirklich besser ging es mir während der ganzen Zeit nicht und langsam, peu à peu hat sich dann auch die Essstörung immer lauter bemerkbar gemacht. Mein Therapeut und die Gruppen wiesen mich darauf hin, dass ich immer dünner werden würde und ob ich nicht evtl. an Magersucht leiden würde. Nachdem ich das erst abgestritten, mich dann damit beschäftigt habe und gemerkt habe, doch, es stimmt, habe ich mir eine Klinik für Essstörung gesucht: Die Klinik am Korso in Bad Oeynhausen.

Klinik am Korso 2019

Ich wurde für zunächst 8 Wochen aufgenommen. Natürlich hatte ich mega Angst vorher: Schaffe ich das? Was, wenn ich nicht krank genug bin? Ich bin doch eigentlich nicht soooo dünn, wieso muss ich in eine Klinik? Den anderen geht es doch bestimmt viel schlechter… Was, wenn ich mit meiner Zimmergenossin nicht zurecht komme? Was, wenn ich komplett überfordert bin? Etc.
Und natürlich war der Aufenthalt heftig. Allein am Anfang die (gefühlt riesigen) Portionen essen zu müssen und komplett gegen seinen inneren Impuls und Drang handeln zu müssen, hat sehr viel Kraft gekostet. Aber das war ok, denn es ging allen am Anfang so.

Ausschnitt Tagebuch, Tag 1

Alle waren herzlich und offen und haben sich gegenseitig unterstützt, so gut es eben ging. Es gab Einzel- und Gruppentherapien. Am meisten hat mir die Kunsttherapie geholfen – irgendwie ist es für mich leichter meine Emotionen in Bildern auszudrücken, als in Worte zu fassen. Und die Körpertherapie hat mir gezeigt, wie verkehrt mein Selbstbild ist. Wie viel dünner ich in der Realität bin, als in meinem Kopf. Zudem gab es jeden Samstag Psychoedukation: Zu einem bestimmten Thema wurde ein Vortrag gehalten und man konnte danach Fragen stellen. Das war extrem hilfreich, zumal wir auch Themen nennen konnte, zu denen wir uns einen Vortrag wünschen.

Auszug Tagebuch: Alltagsschwierigkeiten

Noch einmal sehr eindringlich zu erfahren, was eine Essstörung mit dem Körper macht, wie sie ihm schadet, hilft, um weiter zu kämpfen und sich seiner Erkrankung zu stellen. Zu erfahren, dass Heißhunger ein normales Phänomen auf dem Weg raus aus der Magersucht ist, hat mir auch ein wenig geholfen, damit besser umzugehen. Auch wenn mich Heißhunger bis heute anekelt. Aber ich habe verstanden, dass ich Heißhunger verspüren kann, obwohl mein Magen komplett voll ist mit Essen – einfach, weil es dem Körper noch an vielen Nährstoffen mangelt.

Auszug Tagebuch

Darüber hinaus gab es auch Ernährungstherapie, in der wir ab und zu in der Gruppe gemeinsam gekocht und gegessen haben.
Kurz vor dem Ende der 8 Wochen konnte ich dann für ein Wochenende nach Hause, um zu erproben, wie gut ich das Gelernte in der Realität umsetzen kann. Es ging komplett nach hinten los – innerhalb eines halben Tages war ich zurück an dem Punkt, an dem ich vor der Klinik stand. Na super, dachte ich, das kann ja was werden. Die Verzweiflung war groß, aber ich habe es direkt in der Klinik angesprochen und gefragt, ob ich verlängern könne. Und ich hatte Glück: Da ich über die Krankenkasse da war, hat diese mir eine Verlängerung um 4 Wochen gewährt! Das war meine Rettung, würde ich sagen. Denn in den letzten Wochen arbeitete ich weiter an meiner Stabilisierung. Nahm weiter zu und überlegte mir, was mir zu Hause helfen würde, nicht wieder zurück zu fallen. Ich konnte noch ein paar Themen besprechen und bearbeiten und zog schließlich in die „WG“. Das ist eine kleine Wohngruppe, in der man sich selbst um sein Abendbrot kümmern muss und in der man „Selbstversorgertage“ einlegen darf. Tage, an denen man sich komplett selbst versorgen muss: Frühstück, Mittag, Abendbrot, Zwischenmahlzeiten. Das wird dann besprochen und geguckt, wo noch Schwierigkeiten und Probleme bestehen und wie man die auflösen kann.

Auszug Tagebuch

Diese Zeit hat mir den letzten Schliff verpasst: Ich habe deutlich gemerkt, wo meine Schwächen liegen, z.B., dass Frühstück eine Qual ist. Aber auch, dass der Rest läuft, wenn ich dann gefrühstückt habe. Viele Heulkrämpfe, Kämpfe und Qualen später, habe ich dann plötzlich gemerkt: Ich bin bereit nach Hause zu gehen. Es reicht, hier kann ich erst einmal nichts mehr mitnehmen, ich muss jetzt zu Hause weiterkämpfen. Dieses Gefühl hat mich befreit und mir Mut gemacht. Und jetzt, 1,5 Jahre später, kann ich sagen, dass es richtig war. Zwar fehlen mir immer noch ein paar Kilos, aber ich komme gut zurecht, die Essstörungsstimme ist über die Zeit leiser geworden. Die Kontrolle hat abgenommen und die Lust auf Essen zu. Nicht immer, aber immer öfter. Kleine Schritte. Und das wichtigste: Ich habe nicht mehr abgenommen, sondern wiege immer noch mehr, als bei meiner Entlassung. Darauf bin ich stolz. Und darauf, dass ich mich aus Phasen, in denen es drohte wieder deutlich schlechter zu werden, herausgekämpft habe, indem ich stur den Essensplan aus der Klinik wieder verfolgt habe und ohne nachzudenken gegessen habe. Dieser Klinikaufenthalt hat mir wohl das Leben gerettet, denn wer weiß, wo ich sonst mit der Magersucht geendet hätte.

Berufliche Reha und Skandinavienreise zur Überbrückung

2020 habe ich dann für 6 Monate eine berufliche Reha gemacht, was ein klarer Fehler war. Anstatt wieder fit für den Arbeitsmarkt zu werden, ging es mir sukzessive schlechter und am Ende wurde meine Essstörung lauter, die negativen Gedanken in meinem Kopf fast unerträglich und auch körperlich wurde ich schwächer. NEIN, ich will KEINEN RÜCKFALL erleiden, dachte ich nur und meldete mich beim Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke auf der psychosomatischen Station an, von der ich viel Positives von einer Freundin gehört hatte.
Natürlich bestand da auch wieder eine lange Wartezeit. Diese haben Holger und ich damit verbracht, nach Skandinavien zu fahren und zu Reisen. Und das war vermutlich besser als jede Therapie!

Natürlich war die Reise mit vielen Ängsten verbunden, aber im Endeffekt, waren Natur, Stille, Ruhe, Wandern und ein geregelter Tagesablauf extrem hilfreich, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Abstand zu Köln und dem Druck, den ich hier empfinde. Abstand zu meinem „normalen Leben“. Und Natur pur – ein Traum. Darüber habe ich bereits hier geschrieben.

Auszug Tagebuch Reise 2020

Station Jona, Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke

Ende Oktober 2020 war es dann soweit: Ich wurde im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke aufgenommen. Mitten in Corona-Zeiten – wie soll das bloß gehen? Aber es funktionierte – alles mit Abstand und Masken, was ich bei einer Therapie total ätzend finde, da ich lieber den ganzen Menschen sehe, aber es funktionierte irgendwie. Besser als nichts. Doch leider stellte sich heraus, dass auch dieser Klinikaufenthalt – zumindest in Teilen – ein großer Fehler gewesen ist: Ging es mir vorher ganz gut, weil ich auf unserer Reise viel Energie und Kraft gesammelt hatte, so ging es mir hinterher schlechter, als zu Beginn meiner schweren Depression 2017. Was war passiert? So richtig verstehe ich es immer noch nicht. Denn eigentlich hat die Klinik ein total tolles Konzept: Sie ist nicht nur schulmedizinisch, sondern anthroposophisch ausgerichtet, was ich super finde. Es gab Einzel- und Gruppengesprächstherapie. Maltherapie in einer für die 8 Wochen festen Gruppe, was fantastisch war, da ich dadurch Vertrauen und Ruhe dort finden konnte. Und ich hatte Sprachgestaltungstherapie als zusätzliche Einzeltherapie. Ohne, dass ich beschreiben kann, was genau man da macht und wie das wirkt, tat mir diese Therapie total gut. Man spricht viel und ich habe gemerkt, wie schwer es mir fällt laut zu reden und meinen Raum einzunehmen. Laut zu schreien war mir zum Beispiel gar nicht möglich. Aber das war in Ordnung. Es wurde mit dem gearbeitet, was da war und nur innerhalb des Möglichen. Kleine Fortschritte anstatt große Sprünge. Frei nach dem Motto: Wenn man einer Pflanze eine ganze Kanne Wasser übergießt, wächst sie auch nicht schneller – geht sogar vielleicht ein. Also: Alles in meinem Tempo. Diese Erfahrung war fantastisch.

Auszug Tagebuch Klinik; Sprachgestaltung

Allerdings hielt diese Anfangseuphorie nur kurz: Nach einer Weile wurden meine depressiven Symptome schlechter: Ich schlief immer schlechter, fühlte mich kaputt, energie- und antriebslos. Freude wurde weniger und die negativen Gedanken häuften sich. Die innere Anspannung stieg. Es wurde versucht damit zu arbeiten, zu ergründen, was verkehrt läuft, aber ich habe es nicht herausgefunden. Stattdessen driftete ich immer weiter ab, bis ich kurz vor der Entlassung komplett zusammenbrach: Bereits morgens in der Maltherapie habe ich einen großen Druck verspürt und bin in Tränen ausgebrochen, weil es mir schlecht ging. In der Gruppentherapie wurde es immer schlimmer und irgendwann musste ich den Raum verlassen, weil der Druck so hoch war und die Heulkrämpfe so schlimm, dass ich nicht mehr wusste, wohin. Ich bin spazieren gegangen, doch der Druck stieg und stieg. Ins Zimmer konnte ich nicht, weil ich mir selbst nicht mehr vertraut habe. Ich war kurz da, habe aber gemerkt, dass ich am liebsten irgendetwas Spitzes in meine Pulsader rammen würde, da ich es nicht mehr aushalten kann. Ich war wie betäubt, wie in Trance. Zum Glück war mein Cutter-Messer stumpf, sodass ich nicht weit kam. Vor Schreck habe ich alles Spitze eingesammelt und bei der Pflege abgegeben. Saß wie in Trance dann auf dem Flur bis mich irgendwann wer eingesammelt hat und meine Therapeutin mindestens 30 Minuten versucht hat, mich aus dem Strudel, der mich immer weiter und immer wieder runter ins Dunkle gezogen hat, zu befreien, was ihr dann auch geglückt ist. WAS FÜR EINE SCHEISSE!! Das war bislang wohl der tiefste Punkt, ich wurde aus der Gruppentherapie raus genommen und sollte einfach nur zusehen, dass ich mich stabilisiere. Verlängerung um eine Woche und als es dann nach Hause ging, ging es mir deutlich schlechter als vor der Klinik. Herzlichen Glückwunsch.

Auszug Klinik, Zusammenbruch

Fazit

Tja, und nun stehe ich wieder auf 2 Wartelisten für Kliniken: Eine Tagesklinik und eine stationäre Klinik. Warum? Weil es mir nicht wirklich besser geht. Weil es nicht wirklich besser wird. Weil ich nicht weiter weiß und jeden Strohhalm ergreife, der sich mir bietet. Denn was soll ich sonst tun?

Ich habe also verschiedene Erfahrungen gemacht und ich denke, das spiegelt allgemein die Erfahrungen mit Kliniken wider: Es muss passen und man muss stabil genug sein und es muss die richtige Therapieform sein, dann kann es super sein. Andernfalls kann es auch einfach nur schwierig werden. Aber ich denke, dass es immer eine Möglichkeit, eine Chance zur Heilung ist. Und deshalb probiere ich es immer und immer wieder.

Anmerkung:
Text: Mai 2021.
Fotos: Tagebücher Cover, links Klinik am Korso 2019; rechts: Krankenhaus Herdecke 2020©Kristine.

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