Wege raus aus dem Dunkel
Wenn Bäume Bäume bleiben*
Wenn Bäume Bäume bleiben*

Wenn Bäume Bäume bleiben*

Ich gehe durch den Wald spazieren,
„achtsam“ soll ich sein,
mich nicht in meinen Gedanken verlieren,
das soll wohl besser sein.

Wahrnehmen, was wahrzunehmen ist.
Welche Farbe haben die Blätter?
Wie viel Laub liegt auf den Wegen
und wie ist heute das Wetter?

Was kannst du riechen und was hören.
Hörst du die Vögel in den Kronen?
Was kannst du sehen und was spüren,
Sieh‘ doch, all das Laub auf dem Boden.

Ich versuche es, bin konzentriert:
Doch was ist das?! Ja, vielen Dank.
Ich habe es wirklich ausprobiert,
doch fühl‘ mich jetzt erst richtig krank.

Denn: Was ist passiert?

Ich betrachte Bäume mit ihren Stämmen,
wie sie weit nach oben ragen.
Guck‘ genau hin und kann plötzlich erkennen:
Nein, das kann nicht sein!! Ich kann’s nicht ertragen.

Ich muss sofort auf den Boden starren,
fange an mit mir selbst zu reden,
will den Wald verlassen, nicht hier verharren,
mich in die Realität begeben.

Denn plötzlich hatten Bäume Augen
– überall an ihren Stämmen –
die mich anseh’n, meinen Weg verfolgen,
ich werd verrückt, fang‘ an zu rennen.

Ich weiß, dass kann nur Einbildung sein,
ich weiß, dass das nicht stimmt,
auch dass Bäume mich angreifen wollen,
ist nur ein Hirngespinnst.

Das macht es aber auch nicht leichter,
ich schäme mich, hab‘ Angst,
gehe stur den Weg ganz einfach weiter,
Bin ich verrückt – voll und ganz?!

Nein, es ist schon in Ordnung.
Ich weiß, es kann durchaus passieren:
Wenn sie zu groß wird, die Belastung,
kann man „pseudohalluzinieren“.

Es gehört zum Krankheitsbild dazu,
auch wenn ich es nicht mag,
schämen hilft auch nicht, nur ruh’n,
es strengt mich dennoch an, sehr stark.

Ich mag dann nicht nach draußen gehen,
und wenn, starre ich zu Boden,
guck‘ nicht nach links, rechts, will nichts sehen,
nur nach unten, nie nach oben.

Um alle Reize auszublenden,
die mich belasten, um nicht zu leiden,
um Reize ganz gering zu halten,
damit Bäume Bäume bleiben.

Das Wissen, dass es Einbildung ist,
hilft leider eher kaum,
wenn der Akutfall doch eintrifft,
hält’S die größte Angst im Zaum.

Auch wenn ich finde, es ist sonderbar,
scheint’s doch „normal“ zu sein,
zumindest bei BPS ist klar,
es wird nicht von Dauer sein.

Und das ist irgendwie beruhigend,
und mittlerweile auch ok.
Tabletten, Entspannung sorgen dafür,
dass ich wieder nach draußen geh‘.

Ich wünschte, ich würd‘ mich nicht schämen,
doch das ist nicht der Fall.
Ich versuche, es so anzunehmen,
geh‘ wieder in den Wald.

*Hinweis: Pseudohalluzinationen können als Symptom einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) auftreten, Bei einer BPS können durch Belastung ausgelöste dissoziative Zustände oder Pseudohalluzinationen hervorgerufen werden. Der Unterschied zu einer Halluzination ist, dass mir durchaus bewusst ist, dass es nicht der Realität entspricht. Zur gleichen Gruppe der „Störung des Denkens“ gehören z.B. Flashbacks, paranoides Denken sowie negative Grundannahmen (schlechte Meinung von sich selbst).
(vgl. Bohus/Wolf-Arehult: Interaktives Skillstraining für Borderline-Patienten, 2. Aufl., Schattauer Verlag 2009, 2013, Infoblatt: Hintergründe und Fakten 2)

Anmerkung:
Text: Februar 2021.
Foto: Skandinavien, 2021©Kristine.

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