Wege raus aus dem Dunkel
Angst
Angst

Angst

Plötzlich ist sie da, mit voller Wucht,
ging es mir grad noch gut, jetzt ring‘ ich nach Luft.
Sie schnürt mir die Kehle unfassbar eng zu,
schlägt mir in den Bauch – egal was ich tu‘.
Lässt mein Herz rasen, tritt auf mich ein.
Ich schwitze – wie soll ich jetzt noch ich selbst sein?
Sie ist vollkommen irrational,
doch das ist mir jetzt auch egal,
denn in meinem Kopf ist kein Platz mehr für Logik,
nur noch Unsicherheit, Zweifel, Vorwurf und Panik.
Und vor allem ganz laut die Frage:
„Was soll ich tun, damit ich mein Leben ertrage?“
Denn eines weiß ich nun ganz genau,
egal was ich anfang‘, es wird der Supergau.
Ich bin nichts wert, kann gar nichts richtig,
will nichts beginnen, weil sonst jeder mitkriegt,
dass ich ’ne komplette Versagerin bin –
ich weiß, ich bekomm‘ ohnehin nichts hin.
Dafür bin ich einfach nicht gut genug,
das was man sieht: Nur Lug und Trug,
nur ’ne Illusion, die ich aufrecht erhalt‘,
bis es irgendwann auffliegt, bis es knallt
und die Wahrheit – dunkel und kalt – wird erscheinen.
Am liebsten würd‘ ich jetzt schon weinen,
so unangenehm, so schmerzhaft ist die Aussicht.
Nirgends auch nur ein Schimmer Licht.
Deswegen muss ich das Geheimnis wahren
und damit bin ich bislang recht gut gefahren.
Einfach krank sein, schwach und kraftlos,
denn dadurch bin ich sichtbar hilflos
und kann nichts können, kann nichts leisten,
keine Erfolge haben, nichts erreichen.
Die Schuld daran, die trag‘ nicht ich
darüber freu‘ ich mich innerlich.
Nein, die Schuld allein hat nur die Krankheit,
solange sie da ist, hab‘ ich Zeit,
um einfach mal tief durchzuatmen.
Nichts zu müssen, einfach warten.
Das ist ok, da jeder weiß:
Es ist die Krankheit, nicht fehlender Fleiß.
So einfach, so viel Sicherheit,
so viel Schutz und auch Geborgenheit
bietet sie mir und sorgt für mich,
denke ich. Und sicherlich
ist das auch irgendwie schon richtig.
Doch: Bin ich mir selbst wirklich so unwichtig?
Denn: Solange sie da ist, diese Angst,
lähmt sie mich, hält mich auf Distanz,
sorgt dafür, dass ich es nicht sehe:
Dass nämlich nur ich selbst mir im Wege stehe!
Sie blendet mich und redet mir ein,
ich könne niemals gut, niemals ausreichend sein.
Drum bräucht‘ ich die Krankheit, könne ohne sie nicht leben.
Mir selbst vertrauen? Mir selbst etwas geben?
Dass könne ich nicht, dazu sei ich zu schwach.
Sie biete mir deshalb ein sicheres Dach,
um mich vorm Unwetter schützen zu können.
Selbstvertrauen, Selbstwert? Will sie mir nicht gönnen.
Doch dann, ganz leise, ich kann’s kaum hören,
klopft der Verstand an: „Ähm, ich will ja nicht stören,
doch scheinst du wohl vergessen zu haben:
Die Angst hat dir absolut nichts zu sagen!
Verantwortlich bist du ganz allein,
kannst dich verstecken oder auch schrei’n.
Am Ende wird das alles nichts bringen
davon kannst du doch bereits ein Lied singen.
Um raus zu kommen, musst du durch sie hindurch.
Dich ihr stellen, deiner nagenden Furcht.
Und anfangen, dich selbst wertzuschätzen,
aufhören, dich selbst zu verletzen.
Denn, das weißt du ganz genau,
eigentlich bist du doch recht schlau.
Hast viel geleistet, gekämpft und erreicht.
Und ja – es war nicht immer leicht –
doch hast du dich stets selbst gestützt.
Brauchtest keine Krankheit, die dich schützt.
Und jetzt bist du doch deutlich stärker,
trotz des Gefühls, es sei viel härter.
Drum schicke die Angst jetzt langsam fort,
an irgendeinen entfernten Ort,
an dem sie dich nicht mehr kann lähmen,
du aber in der Lage bist, sie zu zähmen.
Und fange an, dich zu lieben, dir zu vertrauen,
um mit Kraft, Mut, Energie eine Zukunft aufzubauen.

Anmerkung:
Text: Der Text entstand 2019 in der Klinik am Korso, wo ich teilweise von sehr starken Ängsten gepeinigt wurde.
Foto: Lübeck 2021©Kristine.

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