Wege raus aus dem Dunkel
Was dir keiner vorher sagt…
Was dir keiner vorher sagt…

Was dir keiner vorher sagt…

Entschuldigung, hättet ihr mir das vielleicht mal sagen können!?

Leute, Leute…. Hätte mir jemand gesagt, dass die Klinik ein Kinderspaziergang darstellen wird im Vergleich zu der Zeit, die danach folgt – ich hätte mir das ja dreimal überlegt. Wahrscheinlich sagt einem das auch deswegen keiner. So nach dem Motto: Ist jetzt eh zu spät, jetzt musst du da eben durch.

Und wer sammelt jetzt die Scherben auf?

Aber ehrlich, ein bisschen darauf vorbereiten könnten die einen schon. Wer ist denn schon darauf vorbereitet, dass man nach einem Klinikaufenthalt das Gefühl haben kann, das ganze eigene Leben implodiere und sei eine Farce?! Dass man plötzlich denkt, das Leben liegt komplett in Schutt und Asche?! Als läge das Leben in Millionen kleiner Scherben vor einem und man müsse sie richtig zusammen flicken. WAS IST BITTE RICHTIG!?!

Wo ist noch mal oben und wo unten?!

Sie hätten einen darauf hinweisen können, dass es vollkommen normal ist, dass man das Gefühl hat, alles steht Kopf. Dass es normal ist, dass sich plötzlich alle inneren Anteile streiten und da sein wollen und Anteile herauskommen, die so lange nicht da waren. Dass der Körper fix und alle sein wird und man entweder ein krasses Gefühl der Leere und Gleichgültigkeit verspürt, oder Herzrasen und Angstzustände.

Sekunden, Minuten oder Stunden – was spielt das schon für eine Rolle?!

Es wäre schön darüber informiert gewesen zu sein, dass man komplett das Zeitgefühl verliert und sich sicher ist, man ist erst seit fünf Minuten irgendwo, obwohl man bereits seit Stunden da ist. Oder man stundenlang spazieren geht und dennoch denkt, man sei erst seit ein paar Minuten unterwegs. Man weiß zwar überhaupt nicht, wo man gerade ist und warum überhaupt, aber ganz ehrlich – spielt das eine Rolle? Nicht wirklich, denn spüren kannst du gerade eh nichts. Außer vielleicht deine Kopfschmerzen. Und vielleicht den Schwindel.

LASS MICH IN RUHE – Ähm… Entschuldige, aber das bist du selbst…

Oder dieses unfassbar ekelhaft unangenehme Gefühl, dass sich manchmal den Weg durch die Leere bahnt und sich anfühlt, als würde ein riesiges Etwas – vielleicht eine Mischung aus Vogel und Drachen – seine Krallen hinten in deinen Rücken schlagen. Als wärst du von irgendetwas bessen. Als würde dieses Wesen sich in dich rein zwängen wollen und du musst dich schütteln, als würdest du es abwerfen wollen. Natürlich geht es nicht – denn es ist ja in dir drin. Die Anspannung: Sie kommt. Sie steigt. Die Wut. Die Aggression. Die Trauer. Die Verzweiflung. Alles auf einmal. Mit voller Wucht. Und dir bleibt nur noch übrig, Ammoniak zu nehmen. Also zu riechen. Oder etwas Scharfes zu essen. Oder dich abzulenken. Nur… WOMIT??? Denn da ist ja immer noch die Leere – dir ist ja doch irgendwie alles egal. Am liebsten würdest du schreien: Lass mich in Ruhe!!! Aber du weißt, das macht keinen Sinn. Denn wer genau soll dich in Ruhe lassen? Da ist doch keiner. Niemand, außer dir. Und der Mensch, mit dem du spazieren gehst vielleicht. Aber der gibt dir eher Sicherheit. Er ist nicht gemeint. Du meinst dich selbst.

Wer hat hier die Macht?! Fremdgesteuert

Einen Anteil in dir. Einen Anteil?! Das klingt, als seist du nicht ganz klar im Kopf. Und wenn wir ehrlich sind, bist du das ja auch nicht. Und wenn wir wirklich ehrlich sind, dann passt das mit den Anteilen doch auch. Es fühlt sich doch so an, als habe eine fremde Macht von dir Besitz ergriffen. Du weißt, du solltest anders handeln, aber hast keine Chance. Du schaffst es nicht. Du strengst dich an, aber scheiterst. Egal, wie sehr du dich bemühst. Egal, wie sehr du weißt, dass etwas anderes Sinn macht. Denn deine Kraft ist begrenzt. Und die Anteile kämpfen ohne Unterlass.

Wer hat an der Uhr gedreht?!

Plötzlich sitzt du wieder im Auto. Ihr guckt auf die Uhr – keine Vorstellung davon, wie lange ihr unterwegs ward. Waren es 2 Stunden oder 5 Minuten? Beides könnte sein. Zeit spielt keine Rolle. Zeit ist ein Konstrukt, dass du gerade nicht verstehst. Denn wie kann es sein, dass du gerade erst hier angekommen bist und plötzlich ist es abends? Was soll’s, denkst du, morgen wird es bestimmt besser. Irgendwann muss es besser werden. Immerhin hast du von deinem Psychiater neue Bedarfsmedikamente bekommen. Es hatte ja einen Grund, weshalb du vor zwei Tagen heulend bei ihm gesessen hast. Das war gut. Denn du kommst nicht zurecht. Immerhin das hast du bemerkt. In all dem Wust der Anspannung und der Leere. Also neue Bedarfsmedikation. Für den Fall, der Fälle. Für den Fall, dass die Anspannung zu hoch ist. Aber welche Anspannung, fragst du dich? In dir ist nur Leere. Und doch weißt du, welche gemeint ist. Die letzten Tage war sie immer da. Und du hast die Medikation dringend gebraucht.

Who the fck am I?!?

Doch jetzt ist nur noch Leere da. Und irgendwie bist du auch dankbar dafür. Denn gerade ist das angenehmer, als alle diese Gefühle. Dieser Schmerz und Druck. Das Herzrasen, Schwitzen. Die verschiedenen Anteile, die raus wollen. Die verschiedenen schädlichen Bewältigungsmodi, die nur auf der Schwelle stehen und darauf warten, dass du wieder schwach wirst. Also freust du dich, dass du kurz Ruhe hast. Auch wenn du nicht genau weißt, was du tust, wer du bist und wo du überhaupt bist. Auch wenn du dich regelmäßig fragst, ob das wirklich dein zuhause ist, manche Dinge kommen dir fremd vor. Manchmal musst du erst mal 3 Schränke öffnen, bis du die Tassen findest und du fragst dich, ob die wohl schon immer da standen?! Du bist irgendwie dankbar, dass du dich kaum spürst. Dein Körper sich taub anfühlt. Naja, das Zittern kannst du fühlen. Und die Stromschläge, die manchmal durch deinen Körper wandern. Oder ein Kribbeln, wenn irgendwas kurz mal aufwacht.

Was passiert hier?!

Du bist genervt, weil du keinen Appetit mehr hast und stur nach der Uhr essen musst, um überhaupt zu essen. Dir jedes Mal danach übel ist, weil dein Körper gerade kein Essen will. Und trotzdem isst du. Naja, meistens. Du bemünhst dich, das ist gut. Und du versuchst dich abzulenken. Mit Malen. Auch wenn du nichts spürst, du malst trotzdem. Du schreibst Dinge auf. Du telefonierst mit Menschen. Du organisierst Termine. Versuchst, ein halbwegs normales Leben zu führen. Und dennoch zwischendurch da sitzt und dir denkst: Wieso ist es jetzt schon 16 Uhr? Gerade war es doch noch 8?! Was ist in den letzten Stunden passiert? Habe ich wirklich den Termin gemacht oder geträumt? Habe ich eigentlich schon gegessen? Wieso habe ich noch meinen Schlafanzug an, hatte ich nicht eben was anderes angezogen? Oder war das gestern? Und welcher Tag ist heute eigentlich?!

Radikale Akzeptanz auf Kölsch

Und dennoch weißt du irgendwo tief in dir drin: Das ist normal. Normal, in deiner Situation. „Normal“ – ein Wort, das du hasst. Denn was ist bitte normal!? Aber es spielt auch keine Rolle. Ob normal oder auch nicht, es ist gerade so, wie es ist. Danke Köln: Et es wie et es und et kütt wie et kütt. Genau so. Radikale Akzeptanz auf kölsch! So sieht es aus. Also: Akzeptieren. Annehmen. Hinnehmen. Weitermachen. Das ist die Devise. Mal sehen, wie lange das so bleibt. Aber offenbar ist das „normal“. Normal, wenn man eben nicht normal ist. Normal, wenn man zu viel und stark fühlt. Normal, wenn man so lange in einer Klinik war und neue Fertigkeiten erlernt hat. Es heißt jetzt, diese zu implementieren. Nicht aufgeben, wenn man fällt. Aufstehen und weiter machen. Und einfach hoffen, dass es besser wird.

Ich HABE ein Gefühl. Ich bin NICHT das Gefühl!

Auch wenn dein Gefühl dir sagt, dass es NIEMALS besser werden wird. Wenn du dir zu 100% sicher bist, dass du in diesem Scheissleben stecken bleibst. Wenn du dir zu 100% sicher bist, dass du zu schwach bist. Das spielt keine Rolle. Denn du hast ja gelernt: „Ich HABE ein Gefühl, ich bin NICHT das Gefühl! Ich habe die Kontrolle!“ Solange du dir das immer und immer wieder sagst. Und, dass du es schaffst. Dass du stark bist. Dass es vorbei gehen wird. Dass es besser wird. Dass du viel gelernt hast. Dass Rückfälle dazu gehören. Dass dieser Kampf normal ist und zur Heilung dazu gehört, wenn nicht sogar notwendig ist. Solange du aufmerksam bleibst und die erste Milli-Sekunde bemerkst, in dem du plötzlich nicht mehr zu 100% vom Scheitern überzeugt bist, sondern für einen Augenblick, dich tatsächlich auf etwas freust. Du einen kurzen Moment nicht nur alles schwarz siehst, sondern plötzlich Farbe da ist. Solange du Geduld hast und dich immer und immer wieder daran erinnerst, dass du geduldig sein musst und dies auch kannst. Solange, bis es endlich besser wird.

Na gut, Butter bei de Fische

Wie lange und wie?! WIE?!?? Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe auch keine Wahl. Denn wenn ICH ehrlich bin, dann bedeutet „man“ und „du“ in meinem Text „ICH“. Denn MIR geht es so. ICH kämpfe. Vielleicht auch „man“, vielleicht auch „du“, aber das kann ich nicht beurteilen. Und nur ich alleine. Nur ist es leichter, das nicht auszusprechen, denn ich schäme mich. Fühle mich schuldig, für alles, was ich nicht kann. Für alles, was ich nicht erreiche, dafür, dass ich so anders bin. Und vor allem dafür, dass ich damit nicht zurecht komme. Deswegen „man“ oder „du“. Abstand zu mir selbst gewinnen. Nicht hilfreich, das weiß ich. Aber manchmal einfach notwendig. So wie jetzt. Wenn da einfach nur Leere ist. Leere und Gleichgültigkeit.

Anmerkungen:
Text: Oktober 2021.
Foto: Oktober 2021 ©Kristine.

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