Wege raus aus dem Dunkel
Something positive?
Something positive?

Something positive?

Ich würde gerne einen positiven Text schreiben. Etwas, worüber man sich freuen kann. Nichts, das belastet. Oder negativ klingt. Oder nach jammern klingt. Ich habe das Gefühl, viel zu viel Schwieriges und viel zu wenig Fröhliches zu schreiben. Das Problem ist nur, was soll ich schreiben?“Keine Ahnung“, denke ich, doch das stimmt nicht. Denn sobald ich mir die Frage gestellt habe, kommen mir Achtsamkeitsübungen in den Kopf, die wir in der Klinik oft gemacht haben.

Die eine Frage lautet: „Wofür bist du dankbar?“

Eine andere: „Was kannst du gut?“

Und wieder eine andere: „Was macht dir Spaß?“

Dabei müssen die letzten beiden Fragen nicht deckungsgleich beantwortet werden – denn Spaß machen kann auch etwas, was man eben nicht gut kann. Und man kann auch etwas gut können, was keinen Spaß macht.

Dankbarkeit

Na gut, denke ich. Dann wage ich das jetzt mal und hangele mich an diesen Fragen entlang. Wofür bin ich dankbar?

Für viele Sachen, allen voraus dafür, dass es mir materiell gut geht. Ich habe eine schöne Wohnung, alles, was ich brauche und genug Geld. Das ist mehr, als viele Menschen auf der Welt behaupten können. Kaum schreibe ich das, meldet sich eine Stimme im Kopf die mich anschreit: „Na siehste, dir geht es doch gut? Was meckerst du eigentlich? Was erlaubst du dir, krank zu sein? Stell dich mal nicht so an!! Anderen geht es viel schlechter, die haben einen Grund dafür. DU NICHT!“

„Danke für diesen Input“, denke ich. Ich spüre, wie ich verkrampfe. Meine Schultern und mein Rücken spannen sich an. Ich habe einen Stein im Magen, mir wird schwindelig und schlecht. „ATMEN“, denke ich. „Entspannen! Loslassen!“, und es wird ein wenig besser.

Ok, weiter geht es: Ich bin dankbar für die Menschen, die ich in der Klinik kennen lernen durfte und die mich jetzt weiter begleiten und mich unterstützen. Ich bin dankbar dafür, dass meine Familie sich Mühe gibt zu verstehen, was passiert. Denn ich verstehe seit der Klinik deutlich mehr, wie komplex und schwierig Borderline ist. Und es ist ja nicht nur Borderline, das meinen Alltag bestimmt, sondern auch die kPTBS, die Essstörung und die Panikstörung. Die Depression natürlich auch. Mal mehr, mal weniger. Und das meiste ist seit Jahren da. Nur halt nicht diagnostiziert. Aber es hat schon immer mein Verhalten beeinflusst. Es nicht ganz einfach gemacht, mit mir zurecht zu kommen.

„STOP! Du rutscht wieder ab ins Negative!“ Ok, ja stimmt. jIch höre ja schon auf. Danke für den Hinweis. Also, wo waren wir?

Ressourcen

Ach ja, Dankbarkeit ist fertig. Ab zur nächsten Frage: Was kann ich gut?

Backen, denke ich. Nur habe ich das seit Wochen nicht gemacht. Malen? Mhm… Ich weiß es nicht. Ja, doch. Eigentlich schon. Schreiben. Kochen – auch wenn ich da absolut keine Lust drauf habe. Yoga? Naja. Vermutlich schon. Immerhin. Ein paar Dinge, die ich kann. Vermutlich gibt es noch mehr. Aber mein mangelnder Selbstwert hält mich davon ab, mehr zu schreiben. „STOP!! NEGATIVITÄT!“

Spaß und Freude

Die nächste Frage lautet, was mir Spaß macht und jetzt wird es schwierig. Denn im Augenblick ist jeder Tag für mich ein Kampf. Ich tue Dinge, aber nicht weil sie Spaß machen. Die letzte Woche habe ich komplett gar nichts gespürt. Keine Freude, aber auch keinen Schmerz. Taub. Leer. Nicht da. Als sei ich eine Hülle ohne Innenleben. Ein extrem unangenehmes Gefühl. Ich komme mir dann vor wie die herzloseste Person auf dem Planeten. Und so sehr ich mir auch wünsche, dass es weg geht – ich kann darauf keinen Einfluss nehmen. Zumindest weiß ich nicht wie. Das geht mit der Zeit weg. Bis ich eines Morgens aufwache und zu viel auf einmal spüre. So viel, dass ich mir wünsche, der gefühllose Zustand möge wieder kommen. Auch wenn ich dort starke Anspannung verspüre, das verspüre ich auch in dem anderen Zustand. „Du bist nicht die Erkrankung“, ja danke, aber wie soll ich mich davon lösen, wenn sie permanent da ist? Es kaum einen Moment gibt, in dem ich nicht einen Teil von ihr spüre? „STOP! NEGATIVITÄTSALARM!“

Mist, stimmt, du hast Recht. Himmel ist das kompliziert, etwas Positives zu schreiben. Wer hätte das gedacht. Also gut. Neuer Versuch. Was macht mir Spaß? Malen. Ja doch, an manchen Tagen macht es mir Spaß. Basteln, wenn ich weiß was. Tanzen? Singen? An manchen Tagen schon. Das kann befreiend wirken. Sport? Nee, eher nicht. Den mache ich ab und an. Aber eher als Skill, nicht aus Spaß. Früher habe ich gerne gelesen, momentan ist mir das zu anstrengend. Aber vielleicht kommt es wieder. Wer weiß. Im Laden aushelfen. Das tut mir in der Regel gut und macht mir Spaß – vorausgesetzt die Kunden sind nett. Fotografieren macht mir auch Spaß. An manchen Tagen. Nicht jeden Tag macht das gleiche Spaß. Nur Eis essen – das macht immer Spaß.

Fazit

Na, sieh mal einer an. Ich habe doch einiges gefunden. Einige positive Dinge. Ist das jetzt ein positiver Text? Ich weiß es nicht, aber zumindest zum Teil ja. Und teilweise ist besser als gar nicht. Das Leben ist eben kein Wunschkonzert. Sonst wäre alles anders. Geht aber nicht. Also geht nur das, was geht. So ist das eben. Und wenn mehr geht als nichts, dann ist das wohl positiv, oder nicht?

Anmerkung:
Text: November 2021.
Foto: Australia 2010.

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