Wege raus aus dem Dunkel
Anspannung statt Freude – ein Grund zum Schämen?
Anspannung statt Freude – ein Grund zum Schämen?

Anspannung statt Freude – ein Grund zum Schämen?

Da denkst du, alles ist ok, dein Tag ist in Ordnung, du hast seit Tagen kein Herzrasen mehr gehabt, seit Tagen keine Panikattacke mehr und SCHWUPPS: Welcome back, da ist es wieder. Ich sitze auf dem Bett und merke, wie die Anspannung steigt und mein Herz rast. Was ist passiert?! Ich gehe den Tag im Kopf durch und versuche herauszufinden, was der Auslöser gewesen sein könnte. Denn den muss es ja geben. Einfach so passiert sowas wohl nicht. Aber war nicht alles ganz entspannt?

Ich habe – mal wieder – sehr schlecht geschlafen und war früh wach, sodass ich bereits um 6 Uhr eine Wäsche gemacht habe und gegen 7 Uhr Yoga. Das tat sehr gut und war entspannend, wenn auch doch recht anstrengend… Aber danach habe ich mich gut gefühlt. Energiegeladen. Zufrieden.

Mittags hat eine Freundin den Autoschlüssel geholt, um sich den Wagen auszuleihen. Seit ein paar Monaten haben wir uns nicht mehr gesehen und konnten kurz ein wenig klönen.

Direkt im Anschluss: Waldspaziergang mit zwei Herzensmenschen. Frische Luft, Sonne, liebe Begleitung – ist das nicht eigentlich etwas Gutes? Wieso ist dann bereits im Auto die Stimmung massiv gekippt?

Danach war ich so kaputt, dass ich mich hingelegt habe, um zu schlafen, was aber natürlich nicht so gut funktioniert hat. Wieso „natürlich“? Ich schlafe seit Wochen nicht gut. Nur, wenn ich Antipsychotika vorher nehme – aber da habe ich dann in der Regel einen Überhang am nächsten Tag, bin also müde, benebelt und kaputt. Also vermeide ich es, so gut wie es geht. Und dann saß ich auf dem Bett, beschäftigt mit Email schreiben und mein Herz fängt an zu rasen. Einfach so. Ohne Grund.

Ohne Grund? Ähm… NEIN! Natürlich stimmt das nicht. Es gibt immer einen Grund. Nur, findet man ihn? Möchte man ihn finden? Das ist vielleicht die viel wichtigere Frage. Bin ich bereit hinzugucken? Bereit, anzunehmen, weshalb ich mich so fühle? Meinen Zustand anzunehmen, ohne mich dafür zu verurteilen? Die Ursache hinzunehmen, ohne mich dafür zu verurteilen? Denn wenn wir ehrlich sind: Keiner sieht gerne seine „Fehler“.

Ich habe gemeinsam mit einem Freund hingeguckt und den Grund gefunden, weshalb es mir so ging. Ein eigentlich wunderschönes Ereignis im Leben einer anderen Person hat diese Reaktion ausgelöst. Sofort kommen Schuldgefühle auf: Weshalb kann ich mich nicht einfach nur freuen? WARUM!?!?

Ja, warum? Eigentlich ganz einfach: Ohne, dass ich es bemerkt hätte, ohne dass es bewusst passiert wäre, habe ich Vergleiche gezogen. Also, zumindest vermute ich das. Alte Glaubenssätze sind aufgeploppt: „Du musst etwas erreichen. Du musst arbeiten. Du musst dich mehr anstrengen. etc“. Fragen wie: „Wieso klappt das alles bei ihr? Wieso können „alle anderen“ ihr Leben so leben und bei mir funktioniert nichts?!“ Selbstabwertung nach dem Motto: „Ich schaffe das nie, ich werde nie gesund werden. Dafür strenge ich mich nicht genug an. Weshalb kann ich mich nicht einfach zusammenreißen?! Wieso wird es nicht besser? Ich kann das niemals haben – dafür bin ich zu krank.“ Und viele viele viele andere, sehr wenig hilfreiche Vorwürfe. Alles Vorgänge, die unterbewusst ablaufen. Und schon steigt die Anspannung, das Herz beginnt zu rasen. Die Unmut steigt, die Stimmung sinkt. Der Körper wehrt sich.

Kerze mit Text

Das Gute an der Sache: Obwohl ich dachte, ich weiß nicht, woher es kommt, konnte ich hingucken und es raus finden. Und auch wenn es die Situation nicht verbessert, so beruhigt es doch zu wissen, was die Ursache war. Ich kann bewusst versuchen, die negativen Gedanken in positivere zu verwandeln oder zumindest versuchen aufzuhören, mich selbst kaputt zu machen und herunter zu machen. Denn Selbstabwertung spielt eine riesige Rolle in meinem Leben. Viel zu groß – meistens merke ich das nicht einmal und muss von anderen darauf aufmerksam gemacht werden. Da passt diese wunderbare Kerze bestens: „Ich mag mich so wie ich bin!“ – eine wundervolle Affirmation.

Aber solche Momente sind es, in denen man lernt. Momente, in denen man sich mit sich auseinander setzt und zulässt, auch unangenehme Seiten an sich zu sehen. Hinguckt. Auch wenn es mir selbst immer total peinlich ist und ich mich schäme, solche Gedanken zu haben. Und noch mehr schäme, sie mit jemandem zu teilen. Mich schäme, dass ich mich schlecht fühle, obwohl ich mich doch freuen „sollte“.

Doch, hilft das? Nein. Ich kann nichts für meine Gedanken und Gefühle, die aufkommen. Nichts für meine alten Glaubenssätze, die mich prägen. Das ist alles da. Wofür ich aber Verwantwortung übernehmen kann ist, wie ich damit umgehe. Ich kann hingucken und entgegengesetzt handeln und vielleicht sogar denken. Sodass diese Gefühle mit der Zeit schwächer werden, die Glaubenssätze sich verändern, die Gedanken sich neu strukturieren. Geduld. Zeit. Übung. Zeit. Schritt für Schritt.

Anmerkung:
Text: 18.10.2021
Foto: Titelbild: London2021.

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