Wege raus aus dem Dunkel
London, here I come, ach nee, „Here WE come!“
London, here I come, ach nee, „Here WE come!“

London, here I come, ach nee, „Here WE come!“

Naja, oder so ähnlich. Vor ein paar Wochen haben meine Sis und ich geplant, unseren lütten Bruder und seine Freundin in London zu besuchen. Eine hervorragende Idee, wie ich fand. Wir schenken ihm zu seinem Examen einen Besuch von uns. Gar nicht eigennütz oder so. Nee,nee, alles für den kleinen Bruder! Spitzen Idee, dachte ich, gerade, da es das erste Wochenende nach er Klinik war und ich somit etwas zu tun hatte. Denn, dass es schwierig werden wird nach der Klinik, habe ich mir ja schon gedacht. Dass es im Endeffekt soooo schwierig werden würde – well, who would have thought so. Aber was soll’s – andere Geschichte.

Day-2-Test? Bitte was?

Auf unsere Euphorie wegen unserer hervorragenden Idee, folgte, nachdem wir bereits Hotel und Flug gebucht hatten, kurz die Ernüchterung: Man muss circa 100000 Dinge klären, bevor man einreisen kann. Naja, so schlimm auch nicht, aber nervig genug.

Nicht genug damit, dass man in Deutschland rechtzeitig vor Abflug einen Covid-Test machen muss, nein, zusätzlich muss man rechtzeitig, aber nicht zu früh, ein passenger locator form ausfüllen. Und, weil das nicht reicht, muss man rechtzeitig, vor allem nicht zu spät, online einen „Day-2-Test“ bestellen und an eine Adresse in England verschicken lassen, damit man dort dann einen PCR Test machen kann. Dass man den Test bestellt hat muss man im passenger locator form nachweisen. Sonst kann man nicht einreisen. Dass der Test nicht ausgewertet wird, bis wir in Deutschland zurück sind – who cares… Das ist irrelevant. Na gut…

Los geht’s! Nachdem also gefühlt jeden Tag etwas neues hinzu gekommen ist, hatten wir uns irgendwann sortiert. (Fragen wie: Braucht man eigentlich einen Reisepass oder reicht noch der Perso? Was ist eigentlich mit Daten-Roaming? Und wie machen wir das mit Geld? Kreditkarte reicht bestimmt, nur, wo ist eigentlich der Pin dafür? Und wieso darf mein Handgepäck nur so mini sein – wie soll das bitte gehen, wenn ich im Anschluss noch für 1 Woche zu meiner Sis fahre? Der Rucksack ist doch schon voll, wenn ich nur meinen besten Freund in Karlsruhe für ein Wochenende besuche…. Fragen über Fragen und nicht genug Antworten.) Aber wer wird sich schon von so etwas irritieren lassen.

Darf man Ammoniakampullen im Handgepäck transportieren?

Und so ging es Freitag gegen Mittag bei mir los, ausgestattet mit einem vollen Rucksack und einem Büddel mit essen (hauptsache keinen Hunger bekommen…) Meine Sis sollte abends irgendwann landen. Ich war ein wenig nervös und aufgeregt: Das erste mal Fliegen nach circa 5 Jahren. Dann auch noch in meiner eher angespannten Verfassung und deutlich mehr Ängsten und Unsicherheiten als früher. Zusätzlich nicht die „alten“, also destruktiven, Kompensationsmethoden.

Und mit der Frage im Kopf: Darf man Ammoniakampullen eigentlich mit ins Handgepäck nehmen? Für diejenigen unter euch, die nicht wissen, was das ist: Das sind kleine Behälter aus Glas, die mit Ammoniak gefüllt sind und die man im Notfall, sprich, wenn man sich in einer Hochanspannungssituation befindet, knacken kann, um daran zu riechen. Das bringt einen ziemlich schnell wieder zurück ins Hier und Jetzt, da der Ammoniakgeruch doch sehr penetrant und brennend ist. Aber ohne sie fliegen? Kommt gar nicht in Frage.

Klar, ich habe auch noch super scharfe Bonbons für Hochanspannungsphasen. Die tun es auch, irgendwie. Nur eben nicht, wenn die Anspannung zu hoch ist. Und wer weiß schon, wie ich auf die ganzen Menschen im Flugzeug und London reagiere. Aber, wie es meist so ist: Die Aufregung war im Endeffekt vollkommen umsonst, denn es hat absolut keinen interessiert, dass ich diese Ampullen dabei hatte. Viel spannender waren da offenbar meine Pullis, die auf Drogen überprüft wurden. Na gut. Das kann mir ja egal sein.

Hallo Reizüberflutung

Am Flughafen zu sein, habe ich als extrem stressig empfunden: Viele Menschen, mega laut, Gewusel, Chaos.

Zum Glück besitze ich Noise-cancelling-Kopfhörer, sodass ich einiges von dem Lärm ausblenden konnte, was es für mich ein bisschen leichter macht, mit den Reizen zurecht zu kommen. Dennoch hatte ich sowohl meinen Igelball, als auch die Bonbons und vor allem einen beruhigenden Duft die ganze Zeit dabei. Noch bevor der Flieger startete, hatte ich bereits Migräne – zu viel Stress einfach.

Im Flugzeug dann war es total eng und ich habe mich extrem unwohl gefühlt. Neben mir saß aber zum Glück eine sehr nette Dame, mit der ich mich die ganze Zeit unterhalten habe, sodass der Flug recht schnell vorbei ging. Das war zwar anstrengend, weil wir uns 1. auf englisch unterhalten haben, 2. es im Flugzeug ohnehin laut ist und man quasi nichts versteht und 3. man aufgrund der Masken noch weniger versteht. Hohe Konzentration war also gefragt. Oder gutes Raten. Meistens beides. Und Glück. Also dahingehend, dass man die „richtige“ Antwort gegeben hat. Also die „richtige“ Frage errät. Dennoch war es sehr nett.

Eine Runde Lachflash im Hotel

Angekommen in London hat es sehr lange gedauert, durch die Grenzkontrolle zu kommen. Viel Geduld in einem viel zu überfüllten Raum ohne irgendwelche Abstände und mit nur 50% Masken tragender Menschen. Social distancing my ass!! Das war sehr beklemmend und schwierig für mich. Aber irgendwann ist alles geschafft, so auch die Warterei, und ab ging es mit dem Zug nach London.

Von dort aus war es ein kurzer Marsch bis zum Hotel: Kleines Zimmer, Sauberkeit ist eine Definitionsfrage und: Nur 1 Bettdecke. BITTE?!?! Meine Sis und ich unter einer Bettdecke!? Ich habe mich kaum wieder einbekommen vor Lachen – das haben wir das letzte Mal als Kinder bei unserem Vater gemacht und es ging kläglich in die Hose. Zumdinest für meine Sis. Ich hatte Decke. Viel Decke. Sie halt nicht. Keine. Da ich aber ja eine vorbildliche große Schwester bin, bin ich zur Rezeption gegangen und habe um eine zweite gebeten: „Nein, das geht nicht, das Hotel ist ausgebucht, sie haben keine Decken mehr.“ Say whaaat?!!? Zum Glück haben wir abends eine Decke von der Freundin unseres Bruders und deren Schwester bekommen. Nach diesem kurzen Lachflash habe ich eine Runde hingelegt und ausgeruht, dann erst Mal was zu essen gesucht und mich mit meinem Bruder getroffen.

Immerhin war es schon 16 Uhr. Alles hat entspannt geklappt, wir sind gemütlich spazieren gegangen runter zum Wasser (Thames) und abends dann zu seiner Freundin nach Hause, sodass ich sie auch endlich mal Live und nicht nur per Skype sprechen und kennen lernen konnte. Das war richtig schön und ich habe sie direkt in mein Herz geschlossen. Wir haben vegane Burger bestellt, ihre Schwester ist zum Essen auch nach Hause gekommen und gegen halb 10 pm kam dann auch unsere Sis an. Eine sehr gemütliche, unterhaltsame Runde. Da wir ziemlich kaputt waren, ging es dann aber flott ins Hotel und schlafen.

Samstag – Brunch, Streetart, Vintage, Pub

Samstagmorgen haben wir dann alle zusammen gefrühstückt: Die Schwestern und unserer Bruder hatten ein mega aufwendiges Frühstück mit veganem Tofu, gebratenen Pilzen, Hashbrowns, Fruchtsalat, Hummus, Croissants vorbereitet. Sehr lecker, sehr unterhaltsam und mega Aussicht aus dem Appartment raus.

Als wir uns dann endlich wieder bewegen konnten, sind wir raus und spazieren gegangen bzw. auf Märkten umher geschlendert. Ich habe Fotos von der Streetart überall gemacht und mich über die ganzen Vintage-Läden und Märkte gefreut. Solche Gegenden gefallen mir einfach total gut, auch wenn es durchaus ziemlich voll war. Gegen nachmittag haben sich unser Bruder und seine Freundin verabschiedet, da sie noch eingeladen waren und meine Sis und ich sind weiter herumgelaufen, haben Sachen anprobiert und ich habe 2 Pullis gekauft, obwohl mein Rucksack eigentlich schon mehr als voll war. Aber was soll’s – kann man doch alles übereinander anziehen im Flugzeug, oder?! Da kümmert sich einfach die Kristine von Morgen drum, dachte ich. Das muss ich nicht jetzt machen – jetzt will ich die Pullis haben!


Abends haben wir einen ziemlich coolen Pub gefunden, in dem es sogar zufällig veganes Essen gab. Das muss ich London echt lassen: Es gibt viel Veganes und vor allem viel leckeres Veganes. Das ist alles extrem unkompliziert alles – mega gut! Damit hatte ich vor allem überhaupt nicht gerechnet. Umso begeisterter war ich natürlich. An diesem Tag waren wir bereits um kurz nach 20Uhr im Hotel – genug für einen Tag.

Sonntag – Soho, Essen, Dankbarkeit

Der Sonntag startete mit einem späten Frühstück bei den Schwestern und unserem Bruder. Im Anschluss wollten meine Sis und ich nach Soho laufen – irgendwie dachten wir, dass es da bestimmt cool sei. Also ich dachte das. Naja, kleiner Irrtum, aber kann man ja nicht ahnen.

Gereizt, genervt, kurz vor der Explosion

Es ging bereits damit los, dass ich in keiner wahninnig guten Verfassung psychisch war: Gereizt. Genervt. Angespannt. Kurz vorm Explodieren. Den Drang, mich einfach irgendwo zu verstecken. Ruhe. Alleine sein. Nichts sehen und hören. Alles zu viel. Zu anstrengend. Aber nachdem ich mehrfach mit einem Freund telefonieren konnte, ging es mir peu à peu besser. Froh, über diese Unterstützung. Froh, dass es ihn gibt, de er mich versteht. Ihm kann ich einfach sagen, was ich denke, weil ich weiß, er kennt es. Er kommt damit klar.

Hello Soho und Umgebung

Aber auch die bessere Stimmung hat Soho jetzt nicht soooo viel besser gemacht, irgendwie waren wir enttäuscht. Dennoch: Wir haben das beste drauß gemacht und hatten einen guten Tag. Unser Bruder und Freundin sind die Hälfte des Weges noch mitgelaufen, was schön war. Den Rest des Tages sind wir dann einfach irgendwo umher geirrt, haben viel gegessen, da wir ein paar Sachen einfach abhaken mussten, u.a. Pie. Total wichtig. Und natürlich haben wir den erst NACH dem Mittagessen gefunden. Also „mussten“ wir halt zwei Mal zu Mittag essen. Hilft ja nichts UND hat sich gelohnt. Nur, dass ich abends leider nicht mehr so viel von dem selbstgemachten Kichererbsen-Curry essen konnte. Aber probieren zumindest schon und es war großartig: Viele Gewürze, Tomaten, Kichererbsen, Kokosmilch, Zwiebeln. Lecker.

PCR-Test

Noch „schnell“ den „Day-2-PCR-Test“ machen und auf dem Weg zum Hotel in den Briefkasten schmeißen. Sachen packen, Rucksack irgendwie voll stopfen und ab ins Bett. Wecker klingelt um 3:20 – Bahn fährt gegen kurz nach 4 Uhr, Flug um 6:25. Viel zu früh, if you ask me. But what can you do!? War halt am billigsten. Oder der einzige. Ich weiß es nicht mehr. Einen Grund gab es bestimmt. Gibt es ja immer.

Aufstehen – mitten in der Nacht

Nachdem wir uns also mitten in der Nacht aus dem Bett gequält hatten, verlief der Rest halbwegs gut: Zug erreicht, pünktlich beim Flughafen, genug Zeit Frühstück zu kaufen, Flieger pünktlich, ich hatte eine ganze Sitzreihe für mich und konnte mich hinlegen und pünktlich gelandet. Nur bei der Einreise gab es ein kleines Hindernis: Nach gefühlt 1 Stunde warten an der Grenzkontrolle, wurde uns mitgeteilt, dass wir ein Einreise-irgendwas-formular benötigen würden, da England ein Corona-Hochrisikogebiet ist. Aha. Gut zu wissen. Füllen wir das doch noch mal aus. Zum Glück hatten wir keinen Stress, sondern den ganzen Tag Zeit nach Hause, sprich Lübeck, zu kommen. Jetzt habe ich bereits ein paar Fotos gesichtet und sitze müde auf der Couch – langer Tag, der noch lange nicht zu Ende ist.

Fazit:

Sehr lustiges Wochenende. Viel gelacht, viel gesehen, viel gemacht, viel erreicht. Neue Menschen kennen gelernt, viel englisch geredet und zwischendrin fleißig geskillt. Denn ohne, ging es nicht. Trotz des Downs am Sonntag, an dem ich die ganze Reise zwischendurch bereut habe, war es also ein erfolgreiches Family-Wochenende. Glad to have my sis and brother ♥

Streetart London Streetart London

Anmerkungen:
Text: September 2021.
Bilder: London, September 2021 ©Kristine.

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