Wege raus aus dem Dunkel
Diagnose Borderline – stellen oder lieber nicht?
Diagnose Borderline – stellen oder lieber nicht?

Diagnose Borderline – stellen oder lieber nicht?

Stell dir vor, auf dich trifft die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung zu – würdest du es diagnostiziert haben wollen? Willst du es wissen? Oder lieber nicht? Und mal abgesehen davon – ist es eigentlich sinnvoll, diese Diagnose zu stellen oder sollte man es lieber lassen? Lassen, wegen des Stigmas? Ich habe keine Antwort auf diese Frage – das sage ich direkt. Und es handelt sich hier auch ausschließlich um meine Erfahrungen. Meine Meinung. Meine Erkenntnisse. Mein Leben. Für dich ist es anders? Wunderbar – so soll bzw. darf es sein.

Ein Jahr ist für mich seit der Diagnosestellung vergangen. Ein chaotisches Jahr. War es richtig, diese Diagnose zu erhalten? Ist es sinnvoll, sie zu stellen? Wie quasi immer im Leben, gibt es dazu wohl keine einfache, geschweige denn eine richtige Antwort. Im Zweifel kann man nur sagen „es kommt darauf an.“ Danke Jurastudium für diesen oft einsetzbaren, nichts aussagenden Satz. „Es kommt darauf an.“ – was heißt das? Gefühlt bedeutet es so viel wie: Such dir das Ergebnis aus und ich liefere dir die passende Begründung. Naja, eigentlich heißt es wohl eher, dass es zu einer Frage, einer These mehrere Standpunkte geben kann und es immer auf die individuelle Sachlage ankommt. Aber ganz ehrlich – für mich heißt es: Such dir dein Ergebnis aus, ich begründe es dir.

Ok, if you say so… Here we go:

Pro Diagnose:

Selbstverständlich ist es sinnvoll, diese Diagnose zu stellen! (Wichtig ist es, immer total überzeugt zu klingen, egal ob du es glaubst, oder nicht.)

Weshalb? Oft fühlt man sich irgendwie fehl am Platz. Anders als die anderen. Nicht zugehörig, weiß aber nicht weshalb. Kommt mit seinen Emotionen nicht zurecht, weiß aber nicht warum. Man stellt ich vielleicht nur an. Andere können es ja auch… Wenn es einem so geht, man eventuell auch schon verschiedene Ärzte, Therapien, Klinikaufenthalte hinter sich hatte, verzweifelt ist und nicht mehr weiter weiß, so kann die Diagnose eine krasse Erleichterung darstellen. Endlich gibt es einen Grund, weshalb es dir anders geht. Endlich fühlst du dich nicht mehr komplett hilflos und allein. Schwebst nicht mehr irgendwo in der Dunkelheit ohne Licht. Endlich kannst du dich über passende und spezifische Therapieformen informieren und durch Selbstreflexion erkennen, wo deine persönlichen Schwierigkeiten liegen, um diese zu behandeln. Und wenn ich sage „du“, dann meine ich natürlich „ich“.

Das klingt ja erst einmal positiv, oder?

Wie gesagt, letztes Jahr um circa diese Jahreszeit habe ich die Diagnose Borderline erhalten und war erst einmal erleichtert. Endlich etwas, womit ich arbeiten kann, so dachte ich. Etwas, was zwar nicht heil- aber zumindest behandelbar ist. Auf jeden Fall in der Regel. Es hängt ja auch davon ab, wie stark die verschiedenen Symptome ausgeprägt. „Perfekt. Ich habe ja keine starken Symptome.“, redete ich mir ein. Denn: Wie kann ICH Borderline haben?! Das macht ja gar keinen Sinn… Oder doch? Danke Verdrängung. Nichts anderes ist es doch, wenn man seine schlechten Phasen verdrängt und so tut, als sei alles in Ordnung. Auch wenn es das nicht ist. Denn tief in meinem Inneren war mir klar, dass etwas nicht stimmt. Ich habe es seit Jahren bemerkt, nur mal mehr, mal weniger stark ignoriert. Die Frage „Wieso ich?“ kam mir dennoch sofort in den Kopf. Was für eine sinnlose Frage, denn selbst wenn man die Antwort wüsste, was würde mir das bringen? NICHTS! Neulich habe ich gehört, dass es nicht hilfreich ist, diese Frage zu stellen. Man solle lieber fragen; „Wieso nicht ich?“ Wieso sollte gerade ich davon verschont bleiben? Es kann eben jeden treffen. That’s life und keiner sagt, dass das Leben fair ist. Aber diese Frage ist genau so sinnlos, wie die andere. Denn es hilft mir absolut nicht bei der Behandlung.

Kommen wir also zum Kontra:

Nein, bitte keine Diagnose stellen – das verunsichert, verwirrt, stigmatisiert

Vor einem Jahr habe ich mich noch darüber gefreut zu wissen, was los ist. Fragst du mich jetzt, bin ich mir nicht mehr so sicher. Ja sicher, ich war in einer Tagesklinik, die DBT (dialektisch-behaviorale Therapie) anwendet – eine für Borderline als sehr erfolgreich eingestufte Therapieform. Gleichzeitig habe ich in diesem Jahr jedoch auch so viel über die Borderline-Persönlichkeitsstörung lernen dürfen und können, dass ich jetzt so verunsichert bin, wie vermutlich noch nie in meinem Leben. Und das will was heißen – verunsichert bin ich ja quasi dauernd.

„Spricht das jetzt gegen eine Diagnosestellung? Wen interessiert bitte, ob du verunsichert bist? Diagnosen sind doch wichtig!!“

Ach ja, wofür denn genau? Um mich in eine Schublade zu stecken? Zu den „schwer therapierbaren, selbstverletzenden Irren?!“ Super Idee. Und wenn ich ehrlich bin, stellt sich doch auch die Frage, wie richtig und adäquat können dich andere Menschen überhaupt im Hinblick auf eine Störung/ Erkrankung, die nicht körperlich sichtbar ist, einschätzen? Woher wissen die bitte, wie stark deine Störung ist? Können die in deinen Kopf gucken? Ich glaube wohl kaum… Wenn du dich also nicht gut ausdrücken kannst, dich für Dinge schämst und nicht alles erzählen kannst – wie soll dann eine Diagnosestellung funktionieren?

Sichtbar wird es für mich nach der Entlassung: Laut Arztbericht wurde ich stabil entlassen. Also meine Definition von stabil ist, dass ich in der Lage bin, die schlimmsten Symptome halbwegs im Griff zu haben und nicht zu stark abzustürzen. Aber vermutlich muss man das rein schreiben – wer weiß, ob man sonst entlassen werden dürfte? Keine Ahnung – für mich ist „stabil“ auf jeden Fall etwas anderes, als der Zustand, mit dem ich entlassen worden bin. Wäre ich stabil gewesen, wäre ich nicht in ein tiefes Loch gefallen bzw. in einen krassen Sturm geraten. Es fühlt sich so an, als sei ich in ein anderes Leben katapultiert worden. Nach der Klinik ging es jedenfalls ad hoc bergab. Oder bergauf? Wer weiß das schon zu beurteilen. Vielleicht muss man erst durch einen riesigen Sturm/ Chaos durch, bis es irgendwann besser wird?! „Es wird viel aufgewühlt, es kann gut sein, dass es Ihnen erst einmal schlechter geht.“, hat mein Therapeut neulich – allerdings ine einem anderen Zusammenhang – zu mir gesagt. Bei aller Liebe: Ich kann darauf verzichten. Die ersten Wochen nach der Entlassung waren die Hölle. Mittlerweile hat es sich ein wenig beruhigt. Wirklich? Mhm… Nein, eigentlich nicht. Das rede ich mir nur ein. Es hat sich verändert. Verlagert. In dem einen Moment bin ich oben, fühle mich stark, intelligent, sexy. Als könnte ich die Welt besiegen – ein paar Stunden später sitze ich mit einem Messer in der Hand heulend auf dem Boden und überlege, ob ich es wohl verwenden soll. Und wenn ja, wofür genau. Gibt ja durchaus verschiedene Möglichkeiten… Wer soll so etwas bitte aushalten?! „Aber du hast in der Klinik doch gelernt, Skills zu verwenden, anzuwenden?“, sagst du. Ja, Skills… Das ist so eine Sache. „Anwenden und es wird besser“ – ist ein Trugschluss. Ich weiß nicht, wie lange man üben muss, bis das zutrifft. Ich probiere es, aber es ist hart. Die Veränderungen oft so minimal, dass ich sie kaum bemerke. Dennoch probiere ich es – denn was bleibt übrig? Ich wünschte, es wäre so einfach, wie es klingt. Ist es nur nicht. Ich wende sie so lange an, bis irgendetwas in mir drin klickt und ich doch wieder im dysfunktionalem Modus lande. Doch frage ich mich schon, weshalb bestimmte dysfunktionale Verhaltensmuster deutlich schlimmer geworden sind seit der Klinik. Liegt es daran, dass alle anderen Kompensationsmethoden weggefallen sind? Vor allem der Alkohol? Der hat mich immer sehr beruhigt, wenn ich zu gestresst war. Aber Alkohol ist eben keine Lösung. Sondern ungesund, schädlich. Jetzt habe ich angefangen stattdessen Eis zu essen – das ist so semi hilfreich, weil es erstens nicht betäubt und zweitens ab und an mal die Essstörungsstimme wieder zu Wort kommen lässt. Aber so ist es wohl: Irgendwas ist immer…

„Ähm, das Thema war eigentlich ein anderes… Oder?“

Ups, ja, jetzt bin ich komplett abgeschweift, aber egal. Denn das Thema ist auch wichtig. Es zeigt ja immerhin, was passieren kann, wenn man die Diagnose Borderline erhält. Also kann sich jeder selbst ein Bild machen, wie sinnvoll oder nicht sinnvoll das wohl ist. Also weiter im fehlenden Konzept: Klinik. Skills. Stärker gewordene Selbstverletzung. Steigende Suizidalität. Herzlich willkommen ihr dysfunktionalen Modi! Zwei Monate nach der Klinik habe ich mich selbst in die Klinik auf eine geschlossene Station eingewiesen, vor ein paar Tagen habe ich es wieder überlegt, aber nicht getan. Weshalb nicht? Weil eine Stimme in mir geschrien hat: „Das kannst du doch nicht schon wieder tun! Du musst doch jetzt endlich mal zurecht kommen.“ Danke dafür. Aber da sind wir auch direkt Mitten in dem oben irgendwo angedeuteten Thema: Irgendetwas ist passiert in der Klinik, aber ich weiß nicht was. Was ich weiß ist, dass ich mich wie ein komplett anderer Mensch wahrnehme. Das irritiert mich. Verunsichert mich. Verwandele ich mich jetzt in ein anderes ich? Verliere ich mich gerade? Dafür müsste ich mich aber ja vorher gefunden haben, das ist ja nun wahrlich nicht der Fall. Bin ich einfach achtsamer und bekomme deshalb mehr mit? In der Klinik hatten wir viel Psychoedukation – also Aufklärung über die Erkrankung. Damit einhergehend sind mir natürlich jeden Tag neue Verhaltensweisen aufgefallen, die ich als „normal“ eingeordnet hatte. Plötzlich hieß es jedoch, es sei eben nicht „normal“, sondern störungsbedingt. Gefühlt fällt ALLES unter „störungsbedingt“, was ich tue. „Gefühlt“, denn soist es natürlich nicht. Es heißt in der Klinik immer: „Sie sind nicht die Erkrankung, Sie haben eine. Sie haben auch einen gesunden Erwachsenen in sich. Den müssen Sie stärken.“ Danke für nichts. Denn wenn ich vorher schon das Gefühl hatte nichts unter Kontrolle zu haben, dann hatte ich es nach der Klinik noch weniger. Wenn ich wüsste, welcher Anteil dieser gesunde Erwachsene ist, wäre es einfacher. Nur wenn du, also ich, das Gefühl vermittelt bekommst, dass alles irgendwie nicht „normal“ ist, dann beginnt man, sich selbst zu hinterfragen. Zumindest ich habe das getan. Bei jeder Handlung hinterfrage ich mich nun also selbst. Jedes Mal stelle ich mir die Frage, ob ich mich jetzt „normal“ (wie ich dieses Wort HASSE, denn wer ist denn bitte normal?!?) oder „gestört“ verhalte. Das vereinfacht ein leichtes Leben und ein unbeschwertes Verhalten nicht unbedingt. Und es stärkt auch nicht gerade mein quasi nicht vorhandenes Selbstbewusstsein. Andererseits ist davon ohnehin so wenig vorhanden, dass es vielleicht auch egal ist. Danke Diagnose – dank dir bin ich jetzt noch verunsicherter. Noch mehr? So fühlt es sich an. Doch ich weiß es nicht.

Fazit:

Borderline Diagnose stellen – sinnvoll oder nicht? Ja es mag sein, dass die Diagnosestellung Vorteile hat – aber egal wie das Kind genannt wird, wichtiger ist die Behandlung. Und die ist für jeden individuell anders. Denn, ganz ehrlich. Weiß ich denn, ob die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vordergrund bei mir steht oder die komplexe Posttraumatischebelastungsstörung? Nein. Die Symptome sind ähnlich. Also ist es doch sinnvoller herauszufinden, was genau die Schwierigkeiten sind und diese zu behandeln. Mit oder ohne Diagnose. Und das Leben irgendwie wieder lebenswert zu gestalten. Denn das ist es ehrlich gesagt nur sehr selten. Zu anstrengend der tägliche Kampf. Das Chaos in mir drin. Sehr schwierig für mich, mich meinem „neuen“ ich anzupassen. Mich so anzunehmen, wie ich bin. Zu sagen: Ja, ich bin ok, genau so wie ich bin. Ich übe das jeden Tag, mal gucken, wann und ob es besser wird.

Anmerkung:
Text: Januar 2021.
Foto: London, Herbst 2021©Sis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.