Wege raus aus dem Dunkel
Tschüss Magersucht
Tschüss Magersucht

Tschüss Magersucht

Hallo,
meine treue Begleiterin,
meine Stütze, meine liebe Freundin,
meine Hölle im Engelsgewand.
Du allein hattest mein Leben in der Hand.
Du gabst mir Anerkennung, Halt und Sicherheit
in all den Jahren der stürmischen Zeit.
Hast mein Leben geordnet, kontrolliert – nie war ich allein,
denn auf dich war stets Verlass, du wolltest der Sinn meines Lebens sein.
Ängste und Emotionen? Die gab es mit dir kaum,
denn – darauf konnt‘ ich immer bau’n –
stets hast du eine Lösung parat die lautet: HUNGER!
Und du wirst sehen, der Kummer wird kleiner, wird abhau’n.
Er löst sich auf – wie Nebelschwaden – und ich konnte mir immer sagen: Perfekte Lösung,
dir kann ich vertrau’n!
Doch halt! Stopp! Was red‘ ich denn da?
„Das stimmt doch nicht!!“, ist mir jetzt klar,
denn war es nicht viel mehr der Anfang
für einen langsamen und qualvollen Untergang?!
Nichts als Lug, Trug und Illusion,
trotz der harten Arbeit – wo bitte bleibt mein Lohn?
Statt Anerkennung, Glück und Frohsinn
bekam ich: NICHTS. Doch verlor so viel –
es ist eben doch kein harmloses Spiel –
denn ich verlor ihn einfach so, leichthin,
meinen ganz persönlichen Lebenssinn.
Verlor die Kontrolle über mich und mein Leben,
verlor den Spaß, das Glück, die Freude und die Liebe
und was hast du mir stattdessen gegeben?
Frust, Zweifel und innere Leere;
fühlte mich, als ob in mir fast gar nichts mehr wäre.
Aber: Mit Stolz kann ich nun sagen: Der erste Schritt ist endlich gewagt.
Zwar unsicher und ein wenig verzagt,
doch kam ich freiwillig hier her
und fiel mir der Weg auch noch so schwer,
so musste ich verstehen: JA. Essen – das muss sein, ohne wird es schlicht nicht geh’n.
Denn, ist es auch nicht das eigentliche Problem,
so gibt’s mir die Kraft meinen Weg zu geh’n.
Ohne – das sehe ich mittlerweile ein –
werd‘ ich nicht ewig hier, werd ich nie ich selbst sein.
So machte ich mich auf den Weg, kämpfe seit dem Tag für Tag.
Verzeih‘ mir die Momente in denen ich nicht mehr mag
und alles, doch vor allem mich selbst hinterfrag‘.
Denn: Was macht das alles für einen Sinn,
wenn ich doch dauernd so verzweifelt, so traurig, so hilflos bin?
Aber ich rappel mich hoch und erinnere mich daran,
dass ich nur OHNE dich komplett frei sein kann.
Frei von der Kontrolle, deiner Macht.
Frei von allem, was mich so hilflos macht.
Denn: Endlich hab‘ ich erkannt,
dass du mir nur schadest und wutentbrannt merk ich,
dass du mir nun nicht mehr helfen kannst
und gehe endlich auf Distanz.
Wild kämpfend schlag‘ ich dich in die Flucht,
meine so geliebte, meine so gehasste Magersucht.
Ciao und auf Nimmerwiedersehen –
du musst nun wirklich endgültig gehen,
denn nur ohne dich habe ich die Macht
über mein Leben, über meine Lebenskraft.
Und ja, es macht mir Angst – gar keine Frage –
denn du warst so lange stets bei mir
doch mit viel Mut und Kraft komm‘ ich langsam in die Lage
zuversichtlich zu sagen: Ich brauch dich nicht mehr hier!
Ich schaffe das jetzt auch alleine
– naja, zumindest ohne dich –
Ich mache dir jetzt endlich Beine,
denn deine Zeit ist wirklich aus!!
Sage ich stolz und rufe laut heraus:
Mein Motto heißt jetzt: Einfach machen!
Und zwar keine halben Sachen,
denn ich weiß, dass du’s kaum glauben kannst,
doch der einzige Weg raus führt direkt durch die Angst
und die kann ich mir nur selber nehmen.
Durch dich lass‘ ich mich nicht mehr lähmen!
Sage ich stolz und ergänz‘ mit freudigem Beben:

Tschüss Magersucht und Hallo Leben!

Anmerkung:
Text: Abschiedsgedicht in der Klinik am Korso, Oktober 2018.
Foto: Yoga in Norwegen, 2021©Kristine.

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