Wege raus aus dem Dunkel
Nähe? Distanz? Ja? Nein?
Nähe? Distanz? Ja? Nein?

Nähe? Distanz? Ja? Nein?

Ich liege zu Haus,
wünschte, dass wer käm‘
und hoffe, keiner kommt.
Ich wart‘ auf’s Klingeln,
dass wer anruft
und hoffe, es klingelt nicht.
Ich starre auf’s Handy,
warum schreibt denn keiner?
Bitte, schreibt mir nicht.
Wieso kümmert sich keiner?
Wieso fragt denn keiner?
Bitte, fragt mich nicht.
Lasst mich allein, lasst mich in Ruhe,
lasst mich doch bitte einfach sein.
Kümmert euch, bleibt doch nicht weg,
lasst mich nicht allein.

Diese Ambivalenz ist kaum zu ertragen,
denn was genau will ich denn?
Was genau wäre gut für mich,
was davon macht noch einen Sinn?!
Ich weiß nicht, worauf ich hören soll,
wenn sich ja und nein in mir streiten,
in meinem Kopf, da geht es wild umher,
vom Gefühl her, will ich beides.
Oder auch gar nichts, das ist egal,
denn irgendwie ist’s das Gleiche.
Das Resultat ist sonnenklar:
Nichts kann und wird geschehen.
… Oder doch?
Allein sein und „Lasst mich in Ruhe“ –
es wechselt sich ab, phasenweise.
Mal will ich, dass sich jemand kümmert,
dann hoff‘ ich, dass sich keiner erinnert.
In diesem Kampf muss ich mich entscheiden
und blind einen der beiden Wege wählen.
Ob’s richtig war? Wer kann’s schon sagen,
man wird es irgendwann sehen.
Meist entscheid‘ ich mich für Ruhe,
denn damit geht’s mir besser.
Muss mich nicht rechtfertigen,
für nichts, was ich tue,
kann einfach so sein wie ich bin,
fühle mich sicherer und wohler.
Doch ab und an entscheid‘ ich mich
doch mal Kontakt aufzunehmen.
In der Regel ist das ganz ok,
doch anstrengender eben.
Denn – wenn ich mal ganz ehrlich bin –
ist’s oft sehr schwer auszuhalten,
dass jedes Leben weiter läuft,
nur meines scheint on hold zu sein.
Das Ja! und Nein!, das Doch! und Neeee!,
das strengt mich doch sehr an,
doch weiß ich nun, woher es kommt:
Borderline sei Dank, hab‘ ich nun jeden Tag den Kampf.
Den ich mal so, mal so entscheide,
aber eines, das ist klar:
Nur weil ich mich nicht melden mag,
in Gedanken bin ich da.
Und frage mich, wie’s dir wohl geht,
was du gerade machst,
wünscht‘ ich wäre mehr da für dich,
aber oft gelingt es nicht.
Doch eines Tages – da bin ich sicher,
wird’s wieder leichter werden.
Dann greif‘ ich vielleicht zum Telefon,
ruf‘ dich an, klaub‘ zusammen meine Scherben.
Zum Schluss will ich jetzt nur noch sagen:
Es hat nichts mit dir zu tun!
Der Kampf ist einfach in mir drin,
ohne irgendein Zutun.


Anmerkung:
Text: Februar, 2021; Die „Nähe-Distanz“-Problematik der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Foto: New York, 2016©Kristine.

2 Kommentare

  1. Silvia

    Das hast du wieder richtig gut geschrieben. Es hilft mir, dein Dilemma zu verstehen. Ich habe nämlich keine Ahnung, was Borderline genau für dich bedeutet. Kenne nur ein paar Klischees und das heißt ja oft, nicht wirklich was zu wissen.

    Ich denke oft an dich und frag mich, wie es dir geht. Aber möchte dich nicht belasten mit meiner Präsenz oder Fragen. Umso mehr freue ich mich, so von dir zu lesen 🤗.

    1. Liebe Silvia, vielen Dank für deine liebe Rückmeldung, sie hat mich dazu inspiriert, weitere bei mir vorliegende Symptome zu beschreiben. Es gibt bei Borderline viele Symptome in sehr unterschiedlicher Ausprägung, sodass jeder unter anderen Einschränkungen leidet. Um meine persönlichen Einschränkungen deutlicher zu machen, werde ich versuchen weitere Texte zu schreiben, die diese verdeutlichen. Danke dafür ♥
      PS: Den ersten Text dazu findest du hier.

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