Wege raus aus dem Dunkel
Wie kann ich darauf vertrauen, dass du da bleibst?!
Wie kann ich darauf vertrauen, dass du da bleibst?!

Wie kann ich darauf vertrauen, dass du da bleibst?!

In Gedanken versunken

Eve sitzt zu Hause auf ihrem weißen Sofa, eine Tasse warmen Ingwertee in der Hand, eine Decke um die Schultern gelegt und guckt nach draußen. Wie lange sie schon hier sitzt? Sie weiß es nicht. Sie hat kein Zeitgefühl mehr. Was sie weiß ist, dass es ihr nicht gut geht. Obwohl es das doch sollte. Denn: Objektiv betrachtet hat sie doch alles, was sie braucht?! Einen Partner, Geld, ein Dach über dem Kopf. Reicht das nicht? Müsste es ihr nicht gut gehen? Ja vielleicht. Nur, das tut es nicht. Ihr geht es schlecht. Aber warum? „Du hast doch alles, was man sich wünschen kann“, hört sie oft. Nein, eigentlich hört sie nicht mal das, sondern nur: „Stell dich doch nicht so an, du hast kein Recht darauf, dass es dir schlecht geht. Guck dir doch mal andere Menschen an. Die haben nichts und wirkliche Probleme.“ Sie kann es nicht mehr hören. Hält sich die Ohren zu, aber die Stimmen schreien sie weiter an. Sie kann es nicht mehr ertragen.

Sprachlos – Taubheit schottet sie ab

Denn wie soll sie ihnen erklären, dass es ihr dennoch schlecht geht? Dass sie innerlich taub und leer ist, oft kein Gefühl zu ihrem Partner hat – zu sich selbst ohnehin nicht. Wie soll sie erklären, dass sie, sobald sie von ihrem besten Freund mal keine Nachricht erhält, oder sie mit telefonieren aufhören, Angst hat, sie würde nie wieder etwas von ihm hören? Denn wieso sollte er sich noch mal melden? Er hat bestimmt gemerkt, wie sie wirklich ist. Und damit kann ja keiner leben. Sie versteht auch nicht, weshalb ihr Partner noch da ist. Wie kann ein Mensch nur mit „so einer“, wie sie es ist, zusammen sein?! Das mach keinen Sinn. Sie würde das nicht tun. Sie ekelt sich vor sich selbst. Hasst sich. Und ihr fehlt das Vertrauen: Das Vertrauen, dass alles irgendwann gut wird. Oder zumindest aushaltbar. Das Vertrauen, dass Nathan – ihr bester Freund – da bleiben wird. Sie hat jeden Tag Angst, dass er plötzlich einfach nicht mehr da ist. Nicht mehr antwortet. Nicht mehr abnimmt. Sie ihn nicht mehr erreichen kann. Denn ist es nicht immer so? Menschen wenden sich von ihr ab und sie versteht nicht weshalb. Weiß nur, dass es weh tut. Lernt aber auch, dass es Normaltät ist. Und denkt, „naja, ist ja klar. Es liegt an mir – wer hält es schon mit mir aus?!“ Lernt sie neue Menschen kennen ist sie irritiert, wenn diese nett zu ihr sind. „Was wollen sie bloß von ihr?!“ Denn eines ist klar: Ist jemand nett zu ihr, will er irgendwas. Ansonsten müsste er/sie ja nicht nett sein. Aber sobald die sich nicht melden denkt sie: „Ich wusste es ja. War ja klar.“ Denn so läuft es ja immer. Oder etwa nicht?! Wenn sie in ihrem „Film“ ist, dann ist da kein Platz für einen anderen Gedanken. Dann ist genau das die einzige Wahrheit.

Fügung für Harmonie

Zu Hause versucht sie, ihrem Partner möglichst alles recht zu machen. Denn Streit kann sie nicht ertragen. Es ist doch einfacher zurück zu stecken, als sich zu streiten, oder nicht?! Für sie klingt das logisch, sie weiß ja ohnehin meist nie, was sie wirklich will. Außer, dass sie keinen Streit möchte. „Du musst Grenzen setzen“, hört sie oft. Aber seien wir ehrlich: Wen interessieren ihre Grenzen? Selbst wenn sie welche setzt, trampeln Menschen drüber. Dann doch lieber keine setzen, dann kann auch keiner darüber hinweg gehen… Und man streitet sich weniger. Denn Streit ist gefährlich. Das hat sie verinnerlicht. Wenn er wütend auf sie ist, dann mag er sie nicht mehr, das heißt, er wird die Beziehung beenden. Logisch oder? Das ist doch das einzige, was Sinn macht. Man kann doch wohl kaum wütend auf einen Menschen sein und ihn dennoch mögen. Das schließt sich doch aus. Zwei Seiten einer Medaille. Sie versteht es nicht. Rational ist ihr irgendwo klar, dass es gehen muss, da Menschen sich ja regelmäßig streiten und mögen, aber wirklich verstehen tut sie das nicht. Und wenn er schlechte Lauen hat – liegt es dann nicht automatisch an ihr? Daran, dass sie so anstrengend ist, wie sie eben ist? Wie soll man da eine Beziehung führen? Oft fragt sie sich das, denn sie ist immer mehr überfordert.

schwarz ./. weiß

Zu viel Nähe ist zu anstrengend. Will sie nicht. Sie will ihren Freiraum. Atmen. Nicht eingeengt werden. Abstand. Viel Abstand. Und plötzlich dann doch Nähe. Sex. Wobei, ist Sex Nähe?! Naja, körperlich vielleicht, aber sonst? Nicht wirklich. Was aber, wenn emotionale Nähe aufgebaut wird? Wie soll sie damit zurecht kommen, ohne sich selbst wieder zu verlieren? Denn natürlich muss sie zurück stecken, damit es nicht zum Streit kommt. Das ist doch klar, oder? Ja, natürlich. Ihr Therapeut hat ihr schon oft erklärt, dass das nicht richtig ist. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch grau. Nur eben bei ihr oft nicht. Das weiß sie. Versteht sie. Also rational. Sie ist ja nicht blöd. Aber emotional? Vielleicht manchmal. Aber gerade nicht. Gerade ist sie taub. Mit Nebel im Kopf. Als sei sie betrunken. Nur ist sie das eben nicht. Auch wenn sie es gerne wäre. Da bleibt sie stark, es kann ja nicht alles den Bach runter gehen. Sie hat Angst vor dem Sommer, denn da wird es noch schwerer werden. Aber es hilft ja alles nichts.. Ist die einzige Möglichkeit. Zumindest die einzige, die sie guten Gewissens gehen kann. Und die andere Lösung wäre nicht hilfreich, das weiß sie sehr genau. Also kämpft sie dort weiter.

Sicherheit für ein paar Minuten

Ruft Nathan an, der lenkt sie ab. Meistens. Auf jeden Fall beruhigt es sie für den Moment mit ihm zu sprechen. Denn dann ist sie abgelenkt. Nicht allein. Und in Sicherheit, denn er versteht sie. Er kennt die Probleme. Hat sie selbst. Es hilft, wenn sie reden. Beiden. Zusammen und doch allein – so kriechen sie seit Monaten vorwärts. Meist ganz ok, manchmal klappt es nicht. Aber was ist, wenn er grade nicht mehr sprechen mag und auflegt? Dann kommt die Angst. Die Angst, dass sie was Falschen gesagt hat. Sonst hätte er ja nicht aufgelegt, oder? Alles dreht sich in ihrem Leben um sie. Was macht sie verkehrt. Warum mag xy sie nicht. Warum gibt sich xy mit ihr ab. Wieso ist sie so auf sich fixiert, wenn sie sich selbst hasst und nicht weiß wer sie ist? Und sich den ganzen Tag versucht, auf irgendwas im Außen zu fixieren? Denn mit ihr selbst beschäftigen – was soll das bringen, außer Schmerz? Sie weiß ja ohnehin nicht, was sie tun soll und wie sie es tun soll.Vermutlich ist aber genau das der Grund, weshalb sie alles um sich herum auf sich bezieht. Unter Kontrolle halten will.

fehlendes Vertrauen

Denn das Vertrauen fehlt. Vertrauen in sich selbst. Vertrauen darauf, dass Menschen da sind. Manchmal ist es sogar leichter sie wegzustoßen. Dann sind sie weg. Wusste sie ja ohnehin, dass die nicht bleiben. Also hatte sie recht. „Self-fulfilling prophcy“. Selbsterfüllende Prophezeiung. Natürlich macht sie das nicht bewusst, aber unterbewusst passiert sowas dann doch mal. Manipulativ? Nein, denn sie macht es nicht mit Absicht. Sie kann nicht anders. Entweder wegstoßen oder klammern. Enge Beziehungen eingehen, um sicher zu sein, dass der andere bleibt. Kontrolle. Kontrolle? Dadurch verliert man sein Gegenüber doch? Tja, mag sein. Aber anders funktioniert es so schlecht. Denn wenn sie nicht weiß, was der andere macht, woher soll sie wissen, dass sie noch eine Rolle in seinem Leben spielt? Und er sie nicht hasst? Es macht keinen Sinn. Das ist ihr klar. Aber gegen diese starken Emotionen der Angst und der Einsamkeit kommt sie meist nicht an. Außer, wenn ihr Unterbewusstsein eingreift und sich eine so starke Taubheit und Leere über sie legt, dass sie nichts mehr spürt. Dann hat sie Ruhe. Naja, so halb. Denn angenehm ist das Gefühl auch nicht. Nicht da zu sein. Sich auf nichts konzentrieren zu können, da alles zu schwierig erscheint. Sich nichts merken zu können. Nicht so genau zu wissen, was man tut, was man gerade getan hat. Einen tauben Körper zu haben, sich kaum selbst zu spüren. Trotzdem ist es eine Erleichterung von den starken Emotionen.

schwarz UND weiß

Allerdings kommen die manchmal dennoch durch. Dann geht es ihr wirklich schlecht. Denn wie soll man Taubheit und Leere, gleichzeitig aber Anspannung und Angst und Einsamkeit verkraften? Kann überhaupt beides gleichzeitig da sein? Ist die Welt nicht immer schwarz und weiß? Ja genau, sie ist schwarz und weiß zugleich. Deswegen ist beides da. Der Schutz reicht nicht, die Emotionen dringen durch. Ekel. Selbsthass. Angst. Angst, verlassen zu werden. Von wem? Von allen. Obwohl, das stimmt so nicht. Eher von denen, mit denen sie sich gerade sehr gut versteht. Die ihr jetzt gerade sehr wichtig sind. Eine große Rolle spielen. Diese Angst ist immer da. Fehlende Objektkonstanz nennt man das. Normalerweise verspürt man sowas wohl nicht. Ihr ist das unbegreiflich, denn es war schon immer da. Es macht ja auch Sinn. So viele verschwinden einfach aus ihrem Leben, ohne dass sie weiß, warum. Aber wenn es so oft passiert, muss es ja an ihr liegen, oder?! Alles andere macht keinen Sinn. Daher auch die Eifersucht, die gerne mal laut anklopft. Nicht nur in partnerschaftlichen Beziehungen, nein, auch bei Freunden. In der gleichen Intensität. Mit den gleichen irrationalen Bildern und Geschichten. Irrational, aber real.

Durchatmen und raus gehen

„Was für ein Chaos“, denkt Eve. Ihr fällt das Atmen schwer. Sie merkt, eine Panikattacke kommt hoch. Was nun? Bewegung. Bewegung ist gut. Raus gehen. Auch wenn ihr schwindelig ist. Sie ihren Körper kaum spürt. Sie lieber mit Nathan telefonieren würde, aber der später zurückrufen will. Sie will ihn nicht stören. Immerhin hat er aufgelegt. Warum? „Vermutlich, weil du nur Mist geredet hast und ihn hart genervt hast, anstatt ihm eine Hilfe zu sein! Selbst dafür bist du zu blöd!“, schreit es in ihrem Kopf. Danke für nichts, denkt Eve, steht auf, stellt die Tasse zu den anderen dreckigen ins Spülbecken, zieht ihre Schuhe an und verlässt die Wohnung.

Anmerkung:
Text: Februar 2022.
Bild: Streetart Köln, Febrauar 2022@Kristine.

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