Wege raus aus dem Dunkel
Scherbenkunst
Scherbenkunst

Scherbenkunst

Stocksteif stehe ich da. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken um sich selbst, angefeuert von der Stimme die schreit: Lass mich in Ruhe! Unter meinen Füßen spüre ich die Scherben. Scherben, die um mich herum verteilt liegen. Glatt, spitz, scharf, glänzend. Teilweise zumindest. Wenn das Licht es schafft, seinen Weg durch die Dunkelheit zu bahnen und eine von ihnen zu berühren. Ich stehe da und weiß nicht, was ich tun soll. Wie soll ich die einzelnen Teile je wieder zusammensetzen? Wo soll die Kraft herkommen? Und wofür? Soll ich sie alle wegwerfen und gucken, was passiert? Sie einfach irgendwie zusammensetzen? Hauptsache kein Chaos mehr? Oder sie anders, aber kunstvoll zusammenkleben? Nur was, wenn sie dann nicht passen, mir nicht gefallen? Ich möchte meinen Frust, meinen Schmerz herausschreien. Doch kein Ton kommt über meine Lippen. Ich möchte weinen, die Trauer aus mir herauslassen. Doch meine Augen weigern sich feucht zu werden. Sie starren leblos vor sich hin. Sehen nichts, außer Dunkelheit und Chaos. Zerstörung. Unüberwindbare Hürden.

ENTSCHEIDE DICH!

„DU MUSST DICH ENDLICH ENTSCHEIDEN!! SO GEHT ES NICHT WEITER!!“, hallt eine Stimme laut in meinem Kopf und ich denk: „Danke, ja, das weiß ich.“ Denn auch wenn ich hier weiter stehen kann. Bewegungslos, um mich nicht zu verletzen. Stillstehend, um es nicht schlimmer zu machen. So weiß ich doch, dass ich durch bewusstes Nichtstun immer weiter in der Dunkelheit versinke. Nach unten gezogen vom Sog des Meeres. Dorthin, wo alles schwarz ist. Kein Licht mehr hinkommt. Herabgezogen von der Schwere des Schmerzes. Denn auch wenn ich den Schmerz nicht spüre, so sehe ich die Scherben mit ihren spitzen Kanten. Sie können mir nichts tun, mich nicht stechen oder meine Haut aufschlitzen, solange ich wie gelähmt starr hier stehe. Aber die Schwere der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die in diesem Chaos ruht, wiegt schwer. Zieht mich hinab. Und doch – für einen Augenblick fühle ich mich sicher und gebogen. Denn nichts wird sich ändern, solange ich stillstehe. Solange ich mich nicht bewege, nur weiteratme und alles ignoriere. So tue, als gebe es die Scherben nicht. Als sei alles in Ordnung. Aber das ist ein Trugschluss. Auch wenn ich das Gefühl habe, mich so nicht entscheiden zu müssen, stimmt das nicht. Denn auch das Nichtstun ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung für den Stillstand. Für das trügerische Gefühl von Sicherheit. Im Endeffekt aber eine Entscheidung für die Dunkelheit. Den Stillstand. Die Verzweiflung. Die Hoffnungslosigkeit. Die Lähmung.

Was nun?!

Nur, was soll ich tun? Einen Besen nehmen, die Scherben fein säuberlich zusammenfegen und wegwerfen? Altlasten. Abfall. Neustart. Neu anfangen mit allem. Oder sie doch wieder zusammensetzen? Zu einem Ganzen? Zu etwas, das mich weniger verletzt? Meine Gedanken wirbeln in meinem Kopf umher. Mir wird übel. Schwindelig. Mein Herz rast. Wortfetzen ebenso: „Viel zu schwierig. Unkontrollierbar. Zeitaufwändig. Unbeherrschbare Emotionen. Zu viele Gefühle, wenn du dich bewegst. Egal wohin.“

Alles zu viel

In mir schreit es: „ÜBERFORDERUNG!! WAS SOLL ICH MACHEN?! DAS SCHAFFE ICH NIE!! ICH WILL WEG! LASS MICH IN RUHE!!!!“ „ACH STELL DICH DOCH NICHT SO AN! ANDERE SCHAFFEN ES DOCH AUCH! STRENG DICH EINFACH MEHR AN! SIEHST DU? DU BIST SELBST SCHULD, WENN DU EINFACH SO GELÄHMT DA STEHST. WÜRDEST DU AKTIV HANDELN, WÄREST DU SCHON GANZ WOANDERS!!“

Hallo, meine Kleine

Plötzlich bin ich keine 30 mehr, sondern ein Kind. Vielleicht acht Jahre alt? Ich weiß es nicht. Es spielt keine Rolle. Die Arme um die Beine geschlungen, den Kopf auf den Knien, Tränen strömen über mein Gesicht. Ich wiege mich vor und zurück. Warum? Warum? Warum nimmt mich keiner in den Arm? Ich schlage meinen Kopf gegen die Wand. Bitte sag, dass alles gut wird! Warum ist hier keiner?!? „Du schaffst das schon. Du bist doch ein großes Mädchen. Stell dich nicht so an.“, hallt es durch meinen Kopf und ich schrumpfe noch weiter. „Ich kann das nicht. Das ist zu schwer, Mama. Hilf mir doch.“, aber keiner hört mich. Bin ich unsichtbar?

Von Erwartungen erdrückt

„Jetzt mach schon! So schwer ist es nicht!“, unterbricht eine schneidende Stimme meine Gedanken. „Du bist kein kleines Kind, du bist erwachsen!“ Vielleicht, denke ich, ich fühle mich aber nicht so. Und selbst wenn – mein Körper ist bleischwer. Mein Herz ständig am Rasen. Nebel im Gehirn verhindert die Konzentration. Schwindel ebenso. Schützen mich. Schützen mich vor Leistung. Vorm Funktionieren. Vor Überlastung. Mein Gehirn ist wie in Wolken gebettet. Sicher. Weich. Undurchsichtig. Sobald ich Druck verspüre, mein Herz zu rasen beginnt, meine Hände schwitzig werden, kommt der Nebel. Lullt mich ein. Lässt mich verwirrt zurück. Lässt mich vor Hilflosigkeit erstarren.

Scherbenmeer

Und so stehe ich wie gelähmt da und betrachte die Scherben um mich herum. Betrachte nur. Drehe mich weder in die eine, noch die andere Richtung. Entscheide mich weder für die eine, noch die andere Möglichkeit. Denn gerade ist es leichter und gefühlt sicherer, einfach hier zu stehen. Kaum etwas zu spüren. Außer Überforderung. Doch das reicht. Sollen dazu wirklich noch Schmerz, Trauer, Angst und sonst was hinzukommen? Denn all das wird kommen. Egal für welchen Weg ich mich entscheide. Sobald ich mich bewege, muss ich fühlen. Fühle ich. Werde ich überrollt. Überrollt, von starken Emotionen. Emotionen, mit denen ich nicht umgehen kann. Fühlen oder nicht fühlen. Kein Zwischending. Kein Dimmer, nur ein An- und Ausschalter: Gefühle an oder aus. Fertig. Doch angeblich soll man sie dimmen können. Habe ich gehört. Wie? Keine Ahnung. Es erscheint mir unmöglich. An oder aus. Das war es. So war es immer. So ist es normal für mich. Doch solange ich hier stehe, sind sie nicht so stark. Spüre ich sie kaum. Nur, dass das eben keine Lösung ist. Sondern bewegen. Fühlen. Dimmen. Wie? Keine Ahnung. Doch so geht es nicht weiter.

Text: Mai 2022.
Foto: Petershof, April 2022 ©Kristine.

2 Kommentare

  1. Christine

    Oh mann!! Wie schwer es sein muss etwas als Erwachsene(r) zu lernen, was man hätte als Kind viel leichter und natürlicher lernen müssen! Deine Bezugspersonen haben ihre Verantwortung nicht erfüllt und haben dich nicht Kind sein lassen! Das ist wirklich sehr traurig!

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