Wege raus aus dem Dunkel
Die andere Seite
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Ich sitze hier und denk‘ an dich
und werde wieder traurig.
Biete dir die notwendige Unterstützung nicht,
halte mich selbst nur mühsam aufrecht.

Aber wo sind all die anderen Leute?
Warum helfen sie dir nicht?
Was ist mit Kumpels, Familie und Freunde?
Halten sie dein Bedürfnis für lächerlich?

Du wünschst dir Hilfe und ein wenig Verständnis,
doch die meisten ziehen sich von dir zurück.
Das macht mich wütend und auch traurig,
denn du verdienst wirklich alles Glück.

Du stehst im Schatten meiner Erkrankung,
fühlst dich allein – helfende Hände wären schön.
Doch wird’s nicht erkannt – „Du bist doch gesund?!?“
Keiner will deinen Schmerz, dein Leiden sehen.

Du rufst nach Hilfe, doch keiner hört zu,
die meisten wenden sich sogar ab.
Du versuchst es erneut, wirst enttäuscht immerzu,
denn immerhin „bist du ja nicht krank“.

Es ist für viele nicht vorstellbar,
wie schwierig es auch für dich ist.
In den letzten Jahren war ich kaum noch da –
die Symptome hatten und haben mich im Griff.

Und ihnen kannst du auch nicht entkommen,
zumindest nicht, wenn du bei mir bleibst.
Sie haben einen Teil deines Lebens genommen –
warum sieht das keiner, selbst wenn du schreist?

Weil du nicht „Betroffener“ bist, sondern „nur“ Angehöriger,
fehlt schmerzhaft von außen Unterstützung.
Auch Mitgefühl und Fürsorge fehlen sehr,
langsam macht sie sich breit – die Verzweiflung.

Verzweiflung nicht nur bei mir, auch bei dir.
Denn wie soll man das alles ertragen?
Ist denn keiner, der helfen kann, hier?!
In meinem Kopf wirbeln herum lauter Fragen.

„Nicht betroffen“ – das stimmt so auch nicht.
Wie solltest du dich komplett entziehen?
Auch wenn du Grenzen setzen kannst,
reicht’s oft nicht, um wirklich zu entfliehen.

Denn wenn ich nicht esse, machst du dir Sorgen,
genauso, wenn ich mich selbst verletz‘.
Auch wenn ich schwer raus komm‘ am nächsten Morgen,
oder mein „alles-wird-gut“-Lächeln aufsetz‘.

Wenn ich meine Gefühle nicht zeigen kann,
bist du davon natürlich betroffen.
Wenn ich nicht weiß, was ich mit mir anfang‘,
kannst du nichts tun, außer zu hoffen.

Zu hoffen, dass es bald besser wird,
auch wenn es so nicht aussieht.
Zu hoffen, dass dich bald jemand hört
und aus deinem Loch herauszieht.

Denn leider bist du mit mir im Loch,
tagtäglich und es wird härter.
Du kämpfst weiter um mich und dich – noch –
doch deine Kräfte werden immer schwächer.

So sah er nicht aus, dein Lebensplan –
und wer kann dir das verdenken.
’ne sehr kranke Freundin jeden Tag,
da ist’s nicht leicht, sich abzulenken

Ich wünschte mir, ihr könntet sehen,
wie schwer es auch für ihn ist.
Sollte man schwierige Wege nicht gemeinsam gehen?
Doch du stehst im Schatten – nicht im Licht.

Es macht mich traurig, dass ihr nicht versteht,
dass der Partner es auch schwer hat.
Und dass ihr viel tun könnt, in dem ihr ihm Beistand gebt,
ihn ablenkt, da seid und was gemeinsam macht.

Zum Glück haben viele die Erfahrung nicht,
das ist ja eigentlich was Gutes.
Trotzdem ist es ein Schlag ins Gesicht,
wenn man um Hilfe bittet und keiner da ist.

Ich hoffe sehr, dass sich Menschen trauen
und sich nicht einfach umdrehen.
Freunde sollten sich gegenseitig aufbauen
und sich den Schmerz ein wenig nehmen.

Denn du bist so ein wundervoller Mann,
voll Geduld, Liebe und Verständnis.
Ich wünsch‘ mir, dass jeder das sehen kann
und für dich da, an deiner Seite ist.

Anmerkung:
Text: April 2021.
Foto: Wanderung, Skandinavien 2020©Kristine.

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