Wege raus aus dem Dunkel
Officially crazy?!
Officially crazy?!

Officially crazy?!

Ich sitz‘ auf ’nem Bett, mitten im Flur,
und frage mich, was mach ich hier nur?
Sitze still, starre nur vor mich hin.
Frage mich, was macht’s für ’nen Sinn?

Wie genau bin ich bloß hier gelandet
und wieso steht’s im Flur, mein Bett?
Wie lange soll ich das noch ertragen?
Im Kopf dreht sich’s: Fragen über Fragen.

Wie ich hier hin komm‘? Ich weiß es kaum.
Alles fühlt sich an wie’n irrealer Traum.
Spricht sie tatsächlich mit ihrer Muse?
Wieso trägt sie weder Schuhe noch Hose?

Warum singt – nein rappt – er laut mit?
Ohrenstöpsel im Ohr bekommt er kaum was mit.
Er ist der, der auf der Station gern mal dealt,
vielleicht auch der, der Sachen stiehlt?

Der Typ mit Cappy und Rucksack auf,
läuft mit seiner Soundbox den Flur runter und rauf.
Sie schallt mal laut, dann wieder leise –
er ist ununterbrochen auf der Reise.

Sie redet andauernd, ohne Unterlass,
so viele Persönlichkeiten – das ist auch krass,
die eine nett, die andere sauer,
irgendeine liegt ständig auf der Lauer.

Die dunkle Schönheit wandert über den Flur,
bekommt nichts mit, ich frage mich nur,
wieso sie die Wand mit einer Hand berührt,
stellt sich vor den Typen, vollkommen ungeniert.

Oder stellt er sich vor sie? Das weiß ich nicht,
ist auch egal, denke ich innerlich.
Da kommt schon wieder der Professor vorbei,
will ein Telefon, flucht, „was ’ne Schweinerei!“

Meint, er müsse dringend telefonieren,
seinen Anwalt über den Aufenthalt informieren.
Und ihn bitten, ihn rauszuholen,
denn ihm werde hier nur Zeit gestohlen.

Er sei nicht richtig, gehöre nicht hier hin,
für ihn mache das alles keinen Sinn;
sein Bruder und die Tochter, die beiden Fiesen,
seien Schuld an der Situation, an seinem Miesen.

Die rothaarige Psychologin erklärt beim Essen:
Leichen wirft man Schweinen vor zum Fressen,
wenn man sie ohne Spur beseitigen will.
Danach ist sie wieder ’ne Weile still.

Die Frau im anderen Zimmer schreit furchtbar laut,
sie werde vergewaltigt und ständig missbraucht,
doch keiner höre ihr wirklich zu –
keine Chance, sie gibt keine Ruh‘.

Ein Typ im Krankenhausschlafanzug,
hat Mitleid mit mir, er meint es nur gut,
beschließt für mich ein Zimmer zu finden,
doch beschäftigt sich sofort mit anderen Dingen.

Fühl mich wie auf ’ner Autobahn,
andauernd kommen Leute an
und klopfen am Zimmer neben dem Bett,
Arztzimmer – doch keiner öffnet… Wie unheimlich nett.

Ich will raus, will die Station verlassen,
doch kann ich nicht, bekomm‘ den Arzt nicht zu fassen,
der mich entlassen muss, sonst darf ich nicht gehen.
Also lass ich alles einfach geschehen.

Die Alte mit langem grauen Haar,
setzt sich zu mir – auf mein Bett und viel zu nah.
Ich sag ihr, sie soll runter, ich will meine Ruhe,
doch sie interessiert’s nicht, was ich auch tue.

So schrei‘ ich sie an, sie schreit laut zurück,
keinen interessiert’s – wir alle sind verrückt.
Packe sie und zerr‘ sie vom Bett
Genug ist genug – ich bin nicht nur nett.

Mittags sprech‘ ich mit der Oberärztin,
ob ich stabil genug zum Entlassen bin?
Nein, Suizidgefahr ist noch zu groß,
also bleib ich hier, verschränk‘ die Hände auf’m Schoss..

Abends bekomm‘ ich doch noch ein Zimmer,
auch wenn’s Licht brennt – quasi immer –
und man es einfach nicht ausschalten kann.
Doch: „Besser als Flur, denke ich dann.“

Plötzlich ertönt laut Feueralarm,
was nun denke ich, die Schwester kommt an:
„Bleiben und warten!“ – werden wir aufgefordert,
es werde überprüft, ob ein Feuer irgendwo lodert.

Es stellt sich raus: Zwei sind geflohen,
man wird sie jedoch wieder zurück holen.
Alarm ausgelöst mit dem Feuerzeug,
geschickt genutzt die kurze Zeit.

Die Aufregung legt sich irgendwann wieder,
ich geh‘ ins Bett, höre ein paar Lieder,
bis ich endlich einschlafen kann –
mal sehen, was ich mit dem neuen Tag anfang‘.

Nach ein paar Tagen existieren im Traum,
werde ich verlegt – zunächst in einen eigenen Raum,
auf der offenen, nicht mehr geschützten Station.
Viele Medikamente bekomme ich auch schon.

Hier bleib ich zur Sicherheit noch ein paar Tage,
bis ich es absolut nicht mehr ertrage,
und beschließe nach Hause zu gehen.
Wie’s weiter geht? Wir werden es sehen.

Anmerkung:
Text: Dezember 2021.
Foto: Merheim Köln, Dezember 2021©Kristine.

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