Wege raus aus dem Dunkel
Tschüss 2021 – ein kurzer Rückblick
Tschüss 2021 – ein kurzer Rückblick

Tschüss 2021 – ein kurzer Rückblick

2022.

Wie bitte???

2022?

Wie konnte das denn plötzlich passieren? Wo sind die letzten Jahre hin? Gerade war es doch noch 2017. Oder etwa nicht? Mein Kopf dreht sich, ich weiß nicht wo ich bin, muss mich sammeln. „Ich bin Kristine. In Köln. In meiner Wohnung. Auf meinem Bett. Vor meinem Laptop.“ Alles klar, es kann los gehen.

Also gut, mein Gehirn will mir zwar erzählen, dass die letzten vier Jahre alle ineinander übergehen, was Erinnerungen angeht, und dass man die Jahre nicht auseinander halten kann, aber wenn ich mich anstrenge, dürfte mir das möglich sein.

Der Start in das Jahr 2021 war ein wenig holprig. Holprig deshalb, weil ich mich noch von meinem Klinikaufenthalt im November/ Dezember 2020 erholen musste. Wer sich nicht erinnert – das ist in Ordnung. Es kann hier nachgelesen werden.

Die sich dort eingestellte Schwere lag mir noch lange in den Gliedern. Die Depression erdrückte mich, im Januar stellte mein Therapeut dann die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung. Und ich muss sagen, im ersten Moment war es eine Erleichterung. Endlich weiß ich, was los ist. Endlich macht vieles aus der Vergangenheit Sinn. Endlich merkte ich, dass ich nicht zu schwach war, weil mir Dinge passiert sind. Es war, als würde sich ein Vorhang öffnen und mir Einblick auf etwas Verborgenes geben. Wie schön… Oder? Naja… Sagen wir mal so: Ich bin in diesem Jahr so tief gefallen, wie noch nie zuvor. Denn: Wissen heißt nicht, dass es dir besser geht. Aber es bedeutet, dass du viel mehr mitbekommst, was alles vermeindlich „verkehrt“ mit dir ist. Was alles „störungsbedingt“ und damit nicht „normal“ ist. Die ersten paar Monate des Jahres war ich oft für mehrere Wochen am Stück bei meiner Schwester. Da dank Corona meine Therapie ohnehin online stattfand, was das ideal. Dort habe ich mich besser gefühlt, weil ich den ganzen Tag alleine sein konnte. Das tat und tut mir gut. Ich habe Dinge repariert, war spazieren, habe abends gekocht und ein wenig gemalt. Und viel Hörbuch gehört, um mich abzulenken. Im Mai wollten wir dann gemeinsam an die Nordsee fahren. Alles war geplant, doch ein Tag vor Abreise klingelte mein Telefon: Frau Jäkel, Sie können nächste Woche in der Tagesklinik anfangen. Bitte was?! Ich bin aus allen Wolken gefallen, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mich doch gerade seelisch auf eine Woche Strand, Wind, Meer, Kälte, Lesen, Schlafen, Eisessen eingestellt? Und jetzt das? Aber was soll ich machen. Verschieben? Nein. Dann ist die Gefahr zu groß, dass ich gar nicht mehr hingehe. Also annehmen, meiner Sis Bescheid sagen und Koffer packen.

Ehe ich mich versah, war ich nun also in der Tagesklinik. Was dort im Einzelnen so passierte werde ich nicht auch noch wiederholen – aber ihr könnt es natürlich alles nachlesen. Nur so viel: Es war anstrengend. Sehr anstrengend. Und bis kurz vor Ende hatte ich das Gefühl, nichts verändere sich. Nichts werde besser. Ein Irrtum, wie sich herausstellt. Nur leider nicht in die Richtung, in die ich es mir gewünscht hätte. Nein, kaum war ich aus der Klinik draußen, begann mein Inneres verrückt zu spielen. Und zwar so richtig. Es kamen Anteile hervor, die lange nicht da waren, sich in der Klinik zwar kurz gezeigt hatten, aber offenbar jetzt richtig was loswerden wollten. Ich hatte so oft Panikattacken, wie noch nie zuvor. Ich dissoziierte so oft, wie noch nie zuvor. Alles drehte sich, der Boden rutsche unter meinen Füßen weg. „Werde ich jetzt vollkommen irre!?“, dachte ich. Ich wusste weder ein noch aus. Doch ich hatte Glück, ich war nicht alleine. Ich hatte einen Freund und eine Freundin an der Seite, die ich beide in der Klinik kennen gelernt hatte. Dort hatten wir zwar wenig Kontakt, die Freundschaft baute sich im Nachhinein aber auf. Da beide mit ähnlichen Problematiken zu kämpfen hatten und haben, konnten und können wir uns gut gegenseitig verstehen und – wenn jemand es benötigt – unterstützen. Das war eine große Hilfe und ich bin sehr dankbar dafür. Mehr zu dieser Zeit findet ihr hier.

Dieses Chaos hielt noch eine ganze Weile an. Doch Anfang November veränderte es sich dann. Nicht nur, dass sich die Beziehungen zu meinen neu gewonnen Freunden ein wenig verschoben und veränderten, auch meine inneren Anteile sortierten sich um. Und während sich mein inneres umorientierte, veränderte sich auch mein Außen: Mein Partner zog aus unserer Wohnung Mitte November aus, mein Bruderherz zog Mitte Dezember ein.

Mein Emotionsleben war zwar nicht erst seit dem Verlassen der Klinik in Aufruhr, aber es wurde danach immer stärker und achterbahnmäßig. Ging es mir in dem einen Moment noch gut, sah ich mich im anderen mit Suizid- und Selbstverletzungsgedanken konfrontiert. Meine Selbstverletzung nahmen zu – Anzahl und Intensität. Ich schaffte es nicht, die Oberhand zu gewinnen und zu behalten. Alles erscheint mir wie im Traum, nichts ist real. Zeit ein Konstrukt, dass nicht zu erklären ist. Mal dauert eine Minute gefühlt eine Stunde, dann wiederum sind 5 Stunden um, ohne dass ich weiß, was eigentlich genau passiert ist. Ich fühle mich, als sei ich irgendwo auf hoher See gefangen und würde einfach so hin und her geworfen werden. Nicht ich kontrolliere mich, sondern irgend etwas anderes. Eine andere Macht. In dieser Zeit hatte ich oft das Gefühl vollkommener Leere trotz beißender Anspannung und Unruhe. Antipsychotika wurden täglich verschrieben, um ein wenig Ruhe rein zu bringen – außer mich zu benebeln brachten sie nicht so viel. Aber die Wut war stärker, als ich sie bislang kannte. Und, was neu war: Sie trat nach Außen in Erscheinung. Nicht gegen eine andere Person, aber auch nicht unbedingt mehr gegen mich. Klar, ab und an schon, aber öfter führte es auch einfach dazu, dass ich Plakate anschrie oder in der Wohnung kurz mal aufschrie, einfach um es raus zu lassen. „Es“. Das, was mich innerlich zur Weißglut bringt. Mir im Nacken sitzt und mich festhält. Natürlich bringt es nicht viel, aber vielleicht ein bisschen.

Allerdings barg diese Wut auch Gefahr. Gefahr für mich. Denn sie brachte die innere Anspannung mit. Die Angst und Panik. Die Hilflosigkeit und Verzweiflung. Und die Hoffnungslosigkeit, die dazu führte, dass ich weiter ging als zuvor. Mein Messer war schärfer. Ich hatte mehr Übung. Und dennoch – zu Ende brachte ich es nicht. Zu einem sehr frühen Zeitpunkt besann ich mich „eines besseren“ (in „“ , da es zumindest aus den Augen der anderen so ist) und rief das Krisentelefon an, welches mir dank integrierter Versorgung (Nachsorge der Krankenkasse nach einem Klinikaufenhtalt) 24/7 zur Verfügung stand. Ich telefonierte lange mit denen, dann mit einem Freund, nahm dann Tabletten und ging schlafen. Am nächsten Tag wies ich mich nach einem kurzen Gespräch mit meiner Betreuerin von der integrierten Versorgung selbst ein.

Knappe fünf Tage war ich auf der geschlossenen/ geschützten Station, knappe fünf Tage auf einer Offenen. Was für ein Erlebnis. Aber notwendig. Dann war ich wieder zu Hause. Meine Schwester kam für ein paar Tage und dann zog schon mein Bruder ein. Es ging mir irgendwie nicht gut, aber ich kam zurecht.

Und seit dem kämpfe ich mich jeden Tag wieder weiter. Raus aus dem Loch. Und es gelingt mir – mal gut, mal nicht so gut. Ich habe neue Dinge angefangen. Sachen, die mir tatsächlich ab und zu mal Spaß machen, auch wenn ich mich zu den meisten Sachen zwingen muss. Ich weiß, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu gehen. Ich merke immer mehr, wie stark ich mich von „normalen“ Menschen unterscheide. Ich merke aber auch immer mehr, wie sehr das „normale bürgerliche Leben“ nicht zu mir passt. Zumindest gerade nicht. Gerade will ein anderer Anteil da sein. Ob das gut ist? Ich weiß es nicht. Ob es richtig ist? Was heißt schon richtig. Ob es sinnvoll ist? Woran misst man das? Ob es mich glücklich macht? Woher soll ich das im Vorhinein wissen. Im Prinzip kann man doch nur ausprobieren und fallen. Und im Fallen habe ich – sehr unfreiwillig – viel Übung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es weitergehen soll. Wie ich in einem Monat anfangen soll, mir eine Arbeit zu suchen. Wie ich meine Hobbys konstant weiter machen soll und nicht direkt wieder alles fallen lasse, denn die starke Begeisterung weicht oft schnell einem Desinteresse. Je nachdem, wer gerade die Macht in mir hat. Und das kann sich ja auch flott ändern.

Ein chaotisches Jahr. Ein Jahr mit vielen Höhen und krassen Tiefen. Ein Jahr, dass seine Tribute gefordert hat. Ein Jahr, das vielleicht irgendwann mal für irgendwas gut ist. Wer weiß das schon. Ein Jahr, von dem ich mich gemeinsam mit meinem Bruder mehr oder weniger verabschiedet habe. Naja, wir haben quasi reingeschlafen – zu müde vom gemeinsamen Playstation spielen. Ich bin dankbar dafür, dass ich so tolle Geschwister habe, mit denen ein Umgang so leicht ist und die einfach so sehr an meine Eigenheiten gewohnt sind, dass sie sie einfach hinnehmen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich je in einer WG mit meinem Bruder wohnen würde, aber ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit. Ein weiteres Jahr ist zu Ende. Ich habe viel über mich erfahren und noch viel mehr darüber, was ich über mich nicht weiß. Darüber, wie anders ich bin. Ich muss damit noch irgendwie zurecht kommen. Verstehen, wer sich eigentlich das Recht heraus nimmt zu sagen, dass etwas mit mir nicht stimmt. Was ist denn die Norm? Wer bestimmt die? Ja ich weiß, der Leidensdruck ist entscheidend. Und der ist immens hoch. Nur – vielleicht leidet ja jeder? Wer weiß denn schon, was der andere fühlt. Was er sich traut zu sagen. Wer weiß schon, was für einen selbst das beste wäre. Und wenn es heute das beste ist – ist es das morgen auch noch? Und muss es das überhaupt?

Ich bin gespannt, was das neue Jahr bringt. Natürlich mache ich mir Sorgen und habe Angst. Aber ich glaube, dass ich mir ein recht stabiles Umfeld geschaffen habe, mit einem Notfallplan, der jederzeit aktivierbar ist.

In diesem Sinne: Willkommen im Jahr 2022!

Anmerkung:
Text: Anfang Januar 2022
Foto: Acryl auf Leinwand, Pouring Technic, Kristine©Kristine.

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