Wege raus aus dem Dunkel
Nebel
Nebel

Nebel

Es ist dunkel.
Nicht um mich herum, sondern in mir drin.
Zwitschern die Vögel? Lachen dort Kinder?
Ich weiß es nicht, ich kann es nicht hören.

Umgeben von einer grauen Glocke, gefangen in einem dicken Nebel,
ist meine Welt grau und still.
Nur meine Gedanken, die von den Wänden widerhallen, sind da –
laut, anklagend, wiederkehrend und unerbittlich.

Es gibt keinen Ausweg, meine Welt ist klein und abgeschottet.
Die graue Glocke hält mich fern von der Welt da draußen,
lässt mich mit mir und meinen Gedanken allein.

Der Nebel scheint mich mit seinem Gewicht zu erdrücken –
ich kann mich kaum mehr bewegen.
Alles entfernt sich weiter.
Alles strengt mich an.
Jeder noch so kleine Schritt ist ein Kampf.
Jeder Versuch, jemanden durch die Glocke, durch den Nebel zu hören – fast unmöglich.
Ich bin müde, habe keine Kraft mehr.

Am liebsten würde ich mir die Ohren zu halten.
Die Stimmen und Gedanken ausschalten, von mir fern halten.
Aber sie sind immer da, dringen in mich ein, sind in mir drin.

Ich will schlafen, will weg, will, dass alles vorbei ist.
Dass der Kampf ein Ende hat.
Die Welt da draußen interessiert mich nicht mehr – mir fehlen die Kraft und der Wille.
In mir ist nichts als Leere und die Sehnsucht nach Ruhe –
Ruhe vor der Welt, Ruhe vor den Stimmen in meinem Kopf…

Doch dann – so plötzlich und so zart – dringt ein kleiner Sonnenstrahl zu mir in mein Herz.
Wo kommt er her?
Hat er sich den Weg durch den Nebel gebahnt?
Oder war er die ganze Zeit schon in mir?

Ich weiß es nicht, es ist egal – aber ich erschrecke.
Sehe für einen kurzen Moment wieder Licht und erkenne:
Es ist nicht alles grau. Es gibt Licht.

Und ein Gedanke wird plötzlich laut:
Was ist mit den Menschen, die mich lieben?
Kann ich die zurück lassen?

Ein Stechen in meinem Herzen sagt mir: Nein.
Sagt mir, dass ich weiter machen muss.
Dass ich wieder ins Leben finden will.

Also sammele ich meine Kräfte,
rappele mich hoch,
atme tief durch
und versuche, die Stimmen in dem Nebel, in meinem Kopf zu verstehen.

Versuche, ihnen zuzuhören.
Versuche zu verstehen, was sie mir mitteilen wollen.
Versuche, sie einfach da sein zu lassen, als das, was sie sind: Nur Gedanken.
Ich spüre meinen Atem, spüre meinen Körper, spüre, dass ich lebe.

Und langsam, ganz langsam, bahne ich mir einen Weg durch den dicken, zähen Nebel
der langsam, ganz langsam, immer dünner und leichter wird…

Anmerkung:
Text: Juni 2019.
Foto: Wanderung zum Nordkapp, Norwegen, September 2020©H.

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