Wege raus aus dem Dunkel
Innere Kind Arbeit
Innere Kind Arbeit

Innere Kind Arbeit

Was ist eigentlich die „innere Kind Arbeit“?

Ich nenne es lieber „innere Kind Versorgung“ – das klingt für mich angenehmer. Nicht so nach Anstrengung, sondern nach etwas Schönem, das mir gut tut. Die Innere Kind Arbeit kommt aus der Schematherapie Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch einen kindlichen Teil in sich trägt, der die Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen der Kindheit gespeichert hat.

Was ist das „innere Kind“?

Diesen inneren kindlichen Teil bezeichnet man in der Schematherapie als „Schema“. Ein Schema in diesem Sinne ist also ein Muster, welches bestimmte Gefühle, Gedanken und Empfindungen beinhaltet, die in bestimmten Situationen aktiviert werden und dann das jeweilige Verhalten steuern. Sie wurden in der Kindheit entwickelt und dienen dazu, die Grundbedürfnisse einer Person zu befriedigen. Wenn diese Grundbedürfnisse in der Kindheit nicht ausreichend befriedigt wurden, entwickeln sich dysfunktionale, also schädliche Schemata, die eine Person noch im Erwachsenenalter in bestimmten Situationen überreagieren und völlig unangemessen reagieren lassen.

Bei dem Kindmodus handelt es sich meist um Gefühle von Schwäche, Minderwertigkeit, Traurigkeit oder aber auch intensiven Ärger, Trotz und Wut. Gemeinsam haben die Kindmodi, dass man sich in ihnen nicht wirklich erwachsen fühlt und verhält, sondern wie ein Kind reagiert.

„Kindermodi sind dann aktiv, wenn wir sehr starke und intensive Gefühle erleben, die sich nicht allein durch die Situation, in der man sich grade befindet, erklären lassen. Man selbst oder andere Menschen haben dann oft den Eindruck, dass die Gefühle eigentlich übertrieben sind. Trotzdem schafft man es im Kindmodus nicht, aus diesen Gefühlen wieder herauszukommen.“
(vgl. Jacob, van Genderen, Seebauer, Andere Wege gehen, Beltz, 2. Aufl. 2017)

Welche Grundbedürfnisse liegen dem Kindermodus zugrunde?

Kindermodi werden insbesondere dann ausgelöst, wenn für uns subjektive emotionale Grundbedürfnisse bedroht sind. Zu den emotionalen Grundbedürfnissen zählen:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen
  • Unabhängigkeit, Kompetenz, Identitätsgefühl
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken
  • Spontaneität, Spaß, Spiel
  • Realistische Grenzen

Welche Kindmodi gibt es?

Kindermodi werden unterteilt in:

  • verletzter Kindermodus
  • wütender oder impulsiver Kindermodus
  • glückliches Kind

Wie bereits erwähnt, hat jeder Mensch (neben noch weiteren) diese verschiedenen Anteile in sich, nur die Ausprägungen und damit die Intensität der Gefühle sind unterschiedlich.

Genug Theorie – kommen wir zu den Beispielen

Beispiel 1:

Ich bin bei meiner Schwester zu Besuch. Sie muss morgens früh zur Arbeit und steht dementsprechend früh auf. Meine Schwester ist kein Morgenmensch, sondern sitzt lieber in Ruhe mit ihrem Tee und ihrem Frühstück am Tisch – reden funktioniert erst nach dem Frühstück. Das war schon immer so. Eines morgens bin ich früh wach und setze mich schon mal ins Wohnzimmer. Sie kommt rein und sitzt – wie immer – still auf ihrem Stuhl. Nur, dass sie zusätzlich nicht so gut geschlafen hat und dadurch ein wenig gereizt ist. Eine Situation, die jeder kennt. Die objektiv betrachtet nur bedeutet, dass sie gerne ein wenig Ruhe haben möchte, weil sie müde ist.

Bei mir passiert jedoch etwas vollkommen anderes: In einer solchen Situation wird mein innerer Kindmodus des verletzten Kindes aktiviert. Meine Gedanken und Ängste fahren Achterbahn in meinem Kopf:

„Sie ist heute aber still, was habe ich gemacht? Ist sie genervt, dass ich hier sitze? Sie ist bestimmt genervt, dass ich schon seit ein paar Tagen hier bin und noch nicht wieder abgefahren ist, traut sich aber aus Höflichkeit nichts zu sagen. Bestimmt bin ich zu anstrengend für sie und sie wäre gerne alleine. Soll ich lieber meine Sachen packen und wieder nach Hause fahren? Es wäre ja nur zu gut zu verstehen, wenn sie es nicht mehr mit mir aushalte. Ich bin ja auch total anstrengend, da ist es schwer, es mit mir auszuhalten. …“

Gefühlsmäßig fühle ich eine aufsteigende Angst und ein Gefühl von Einsamkeit und Sorge, hier nicht willkommen zu sein. Ich hinterfrage mich und versuche mein vermeintliches Fehlverhalten – was es objektiv nicht gibt – herauszufinden, um es wieder gut zu machen. Um mich besser anzupassen und besser zu verhalten, sodass es ihr besser geht und sie nicht mehr (vermeintlich) so stark von mir genervt ist.

Objektiv gesehen handelt es sich um eine totale Überreaktion. Nur merke ich das in dem Moment nicht unbedingt sofort. Mir erscheint meine Gedanken real und die Ängste sind Wirklichkeit, die eigenen Anschuldigungen schlüssig und berechtigt.

Beispiel 2:

Ein weiteres, typischer Kindmodus stellt sich bei mir in folgender Situation ein:
Wenn mein Partner mal nicht so gut drauf ist, aus was für Gründen auch immer, oder einfach mal seine Ruhe möchte, dann werde ich sofort von längst vergangenen Gefühlen überrannt: Ich habe dann ad hoc Panik, dass er mich verlässt. Meine Gedanken:

„Er hat gemerkt, wie ich wirklich bin, deswegen will er nichts mehr mit mir zu tun haben. Er ist so still und will Ruhe, weil er nichts mehr mit mir zu tun haben will, es nur nicht sagen mag. Ich habe irgendetwas falsch gemacht, sonst ginge es ihm bestimmt besser. Es ist ja kein Wunder, dass er lieber weg von mir will. Was habe ich verkehrt gemacht, dass er jetzt nicht so gut drauf ist? Natürlich wird er gehen – es ist ja eh schon ein Wunder, dass er es so lange mit mir ausgehalten hat…“

Die Gedanken prasseln auf mich ein, ich werde traurig, fühle mich hilflos und verzweifelt, kindlich verzweifelt, habe Angst, dass er mich verlässt und kann nicht mehr klar denken. Kann nicht mehr rational erkennen, dass ich vollkommen überreagiere auf eine komplett normale lapidare Situation. Mittlerweile gelingt es mir allerdings immer besser zu erkennen, wenn ich in diese vergangene Emotion, in den verletzten Kindmodus rein rutsche. Nur raus komme ich da nicht immer so gut.

Mhm, und wieso ist das jetzt so schlimm?

Ganz einfach, es ist unheimlich belastend. Nicht nur hindert es mich daran, erwachsene Krisengespräche jeglicher Art zu führen, sondern es sorgt auch dafür, dass ich mich mit meinen Bedürfnissen komplett hinten anstelle und mich einfach der anderen Person unterordne. Mich so verhalte, wie ich denke, dass es besser wäre. Oder ich fange an, mich mehr zu kümmern. Mehr zu bemühen. Was wiederum dazu führt, dass sich die Person irgendwann wirklich genervt von mir fühlt, weil ich ihre Grenzen überschreite, ihre Bedürfnisse nicht wahrnehme, auch wenn ich denke, dass ich es tue. Das führt dazu, dass sie sich wirklich ein wenig abwendet, was bei mir zu weiterer Angst und noch anstrengenderem Verhalten führt. Ein Teufelskreis.

Die gute Nachricht: Ich kann den Teufelskreis durchbrechen

Man geht heutzutage davon aus, dass man diese Kindmodi heilen kann bzw. so mit ihnen leben kann, dass sie einen nicht mehr so stark im alltäglichen Leben hindern und einschränken. Dass man selbst in der Lage ist, auch im Nachhinein die unerfüllten Bedürfnisse zu erfüllen, indem man sein Verhalten verändert und somit in der Lage sein wird, nicht mehr so oft und stark überzureagieren. Das bedarf viel Übung und diese Übung nennt man innere Kind Arbeit.

Ok, ich glaube, ich habe so ungefähr verstanden, was du meinst. Und nun?

Nun geht es darum, sich um den Kindmodus zu kümmern. Die richtige innere Kind Arbeit beginnt.

Nehmen wir den verletzten Kindmodus als Beispiel:

Es gilt jetzt, ihn zu heilen. Dafür bedarf es zwei Schritte:

  1. Kontakt aufnehmen
  2. akzeptieren, annehmen, herausfinden, welche Bedürfnisse er hat.

Ich muss also zunächst lernen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Das mag jetzt alles ein wenig esoterisch klingen, ist es aber nicht und es funktioniert.

Schritt 1: Wie nehme ich Kontakt zu meinen Modi auf?

Der beste Weg für eine Kontaktaufnahme stellt eine sogenannte Imaginationsübung dar. Eine Imagination ist quasi eine gedankliche Reise in die Vergangenheit. Mithilfe der eigenen Fantasie bringt man seine Gefühle mit bestimmten Bildern oder Vorstellungen in Verbindung und kann so besser verstehen, woher die Gefühle stammen.

Aha, was bedeutet das konkret?

Wenn du also ein starkes, in einer bestimmten Situation vollkommen unangemessenes Gefühl verspürst, so ist vermutlich dein innerer Kindmodus aktiviert. Wenn du jetzt dem Ursprung auf die Schliche kommen willst, nimm dir einen Augenblick Zeit, schließe die Augen und spüre genau hin. Welches Gefühl ist es? Wo spürst du es? Konzentriere dich ganz auf das Gefühl im hier und jetzt. Wenn du es genau spürst, dann gehe langsam in deiner Biografie von heute bis in deine Kindheit zurück und warte ab, welche Bilder entstehen. Zu welchem Zeitpunkt hast du dieses Gefühl schon einmal gespürt? Welche Bilder erscheinen vor deinem inneren Auge?
Achte dabei gut auf dich. Denk daran, dass du jederzeit deine Augen öffnen und das Gefühl abschütteln kannst. Bewege dich und lenke dich ab, damit du nicht von dem Gefühl überrollt wirst.

Wenn du Erinnerungen dem Gefühl zuordnen kannst, dann weißt du jetzt, aus welcher Situation/ welchen Situationen es herrührt.

Schritt 2: Akzeptanz und Bedürfnisse erkennen

In einem zweiten Schritt kannst du dich jetzt fragen: Welches Bedürfnis/ welche Bedürfnisse wurden in dieser Situation nicht erfüllt? Was brauchte mein Kleines- Ich in dieser Situation? Was brauche ich jetzt? Was würde mir jetzt gut tun?

Um dein inneres Kind zu heilen, kannst du jetzt noch einmal die Augen schließen und in das Gefühl zurückkehren. Kehre zu der Ausgangslage in deiner Kindheit zurück und überlege, was dein Kleines-Ich jetzt braucht. Braucht es einen Erwachsenen, der in die Situation hineingeht und ihm/ ihr hilft? Jemanden, der sie/ihn dort herausholt? Oder reicht eine gemütliche Decke, ein Kuscheltier aus? Was immer dein Kleines-Ich jetzt benötige, gibt es ihr/ihm. Stelle dich in Gedanken zu deinem Kleinem-Ich und nimm ihn/ sie in den Arm. Gib ihr/ihm das Lieblingskuscheltier oder eine Tasse Kakao. Was immer dein Kleines-Ich benötigt, gib es ihm/ ihr. Und wenn du dann soweit bist, kannst du zurück ins hier und jetzt kehren in dem Wissen, dass du jederzeit dein Kleines-Ich wieder besuchen kannst.

Und dann bin ich geheilt?!

Nein. Natürlich führt eine Imaginationsübung nicht gleich dazu, dass du geheilt bist. Vielmehr bedarf es dafür Wiederholungen und viel, viel üben. Imaginationsübungen wollen geübt werden. Es kann sein, dass am Anfang keinerlei Bilder vor deinem inneren Auge entstehen. Das ist normal. Nimm es wahr, aber beurteile nicht. Wiederhole die Übung einfach regelmäßig.

Kümmere dich um dich selbst

Natürlich kannst du auch aktiv etwas tun, wenn du spürst, dass du dich gerade im verletzten Kindmodus befindest. Überlege dir, was dir jetzt in dieser Situation gut tun würde und das innere Kind tröstet. Vielleicht magst du eine Tasse Kakao trinken? Dich auf dem Sofa in deiner Lieblingsdecke einkuscheln? Nimm dir bewusst ein paar Minuten dafür Zeit. Sprich mit deinem inneren Kind. Tröste es. Sag ihm, dass es ok ist und du da bist. Auf es aufpasst. Es jetzt in Sicherheit ist.

Um nicht in dem unangenehmen Gefühl zu ertrinken, nimm nach einiger Zeit eine Aktivität auf, die genau das gegenteilige Gefühl in dir hervorruft. Wenn du einsam bist, kannst du zum Beispiel eine Freundin anrufen und dich mit ihr verabreden. Wenn du traurig bist, tue etwas, was dir Freude bereitet.

Meine Erfahrungen mit der inneren Kind Versorgung?

In der Klinik habe ich angefangen das Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl zu lesen, in der viele hilfreiche Erklärungen und Übungen enthalten sind. Dieses Buch ist für jedermann geschrieben – psychisch Erkrankte und Gesunde. In dieser Woche habe ich außerdem angefangen, mit einer CD zu arbeiten. Auf dieser CD sind verschiedene Imaginationsübungen zu verschiedenen Themen drauf. Zum Beispiel eine, bei der man erstmals Kontakt zu seinem inneren Kind aufnimmt. Diese musste ich mehrmals machen, da es mir am Anfang total schwer fiel, mir überhaupt irgendetwas darunter vorzustellen. Und auch jetzt bin ich nicht jeden Tag in der Verfassung, mich auf diese Übungen einzulassen. Mal gelingen sie, mal nicht. Aber es fasziniert mich, also mache ich weiter.

Lit: Jacob, van Genderen, Seebauer, Andere Wege gehen, Beltz, 2. Aufl. 2017

Anmerkung:
Text: Juli 2021.
Foto: Acryl Juli 2021©Kristine.

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