Wege raus aus dem Dunkel
Verharren oder wagen?
Verharren oder wagen?

Verharren oder wagen?

Stock steif stehe ich da. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken um sich selbst, angefeuert von der Stimme die schreit: Lass mich in Ruhe! Unter meinen Füßen spüre ich die Scherben. Die Scherben, die um mich herum verteilt liegen. Glatt, spitz, scharf, glänzend. Teilweise zumindest. Wenn das Licht es schafft, seinen Weg durch die Dunkelheit zu bahnen und eine von ihnen zu berühren. Ich stehe da und weiß nicht, was ich tun soll. Wie soll ich die einzelnen Teile je wieder zusammensetzen? Wo soll die Kraft herkommen? Und wofür? Soll ich sie alle wegwerfen und gucken, was passiert? Sie einfach irgendwie zusammensetzen? Hauptsache kein Chaos mehr? Oder sie anders, aber kunstvoll zusammenkleben? Nur was, wenn sie dann nicht passen, mir nicht gefallen? Ich möchte meinen Frust, meinen Schmerz herausschreien, doch mein Hals ist zugeschnürt. Kein einziger Ton kommt über meine Lippen. Ich möchte Weinen, die Trauer aus mir herauslassen. Doch meine Augen weigern sich auch nur feucht zu werden. Sie starren leblos vor sich hin. Sehen nichts, außer Dunkelheit und Chaos. Zerstörung. Unüberwindbare Hürden.

Stillstand heißt Dunkelheit

„DU MUSST DICH ENDLICH ENTSCHEIDEN!! SO GEHT ES NICHT WEITER!!“,
hallt eine Stimme laut in meinem Kopf und ich denk: „Danke, ja, das weiß ich.“ Denn auch wenn ich hier weiter stehen kann. Bewegungslos, um mich nicht zu verletzen. Stillstehend, um es nicht schlimmer zu machen. So weiß ich doch, dass ich durch bewusstes Nichtstun immer weiter in der Dunkelheit versinken werden. Nach unten gezogen werde von dem Sog des Meeres. Dorthin, wo alles schwarz ist. Kein Licht mehr hinkommt. Herabgezogen von der Schwere des Schmerzes. Denn auch wenn ich den Schmerz nicht spüre, so sehe ich die Scherben mit ihren spitzen Kanten. Sie können mir nicht direkt etwas tun, mich nicht stechen oder meine Haut aufschlitzen, solange ich wie gelähmt starr hier stehe. Aber die Schwere der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die in diesem Chaos ruht, wiegt schwer. Zieht mich hinab. Und doch fühle ich mich für einen Augenblick sicher. Sicher, denn nichts wird sich ändern, solange ich stillstehe. Solange ich einfach hier stehe, weiteratme und alles ignoriere. So tue, als gebe es die Scherben nicht. Aber das ist ein Trugschluss. Denn auch wenn ich das Gefühl habe, mich so nicht entscheiden zu müssen, so stimmt das nicht. Denn auch das Nichtstun ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung für den Stillstand. Für das trügerische Gefühl von Sicherheit. Im Endeffekt aber eine Entscheidung für die Dunkelheit. Den Stillstand. Die Verzweiflung. Die Hoffnungslosigkeit. Die Lähmung.

Entscheidung?

Ich weiß, ich habe neben dieser Möglichkeit noch zwei weitere:

  1. Mir einen Besen nehmen, die Scherben fein säuberlich zusammenfegen und wegwerfen. Einfach in den Müll. Neu anfangen. Mit allem. Ohne von dem alten etwas zu behalten.
  2. Versuchen, die Scherben so zusammenzusetzen, dass sie mich weniger verletzen. Dass sie ein ganzes ergeben, dass mehr Sinn macht als vorher.

Doch egal für welche Möglichkeit ich mich entscheiden werde, so sind beide mit Konfrontation von Emotionen, Gefühlen und Erlernen neuer Methoden zur Gefühlsregulation und Abgrenzung verbunden. Das ist anstrengend und schwierig. Zeitaufwändig. Unkontrollierbar und angsteinflößend.

Hallo, kleines Kind in mir

Sofort beginnt mein Kopf sich wieder zu drehen. „ÜBERFORDERUNG!! WAS SOLL ICH MACHEN?! DAS SCHAFFE ICH NIE!! ICH WILL WEG! LASS MICH IN RUHE!!!!“ „ACH STELL DICH DOCH NICHT SO AN! ANDERE SCHAFFEN ES DOCH AUCH! STRENG DICH EINFACH MEHR AN! SIEHST DU? DU BIST SELBST SCHULD, WENN DU EINFACH SO GELÄHMT DA STEHST. WÜRDEST DU AKTIV HANDELN, WÄREST DU SCHON GANZ WOANDERS!!“

Ich bin keine Mitte 30 mehr, sondern ein kleines Kind. Ein Kind, das nicht weiß, was es tun soll. Ein Kind, das mit der gesamten Situation überfordert ist. Ein Kind, das von den fordernden Stimmen dazu aufgerufen wird, sich nicht anzustellen. Es könne das schon alles. Ein Kind, das weit über seine Komfortzone hinaus handelt. Funktioniert aus Angst. Ein Kind, das nie wieder in diese Situation kommen möchte. Eine Situation, in der es von Forderungen und Erwartungen erdrückt wird, aber nicht erdrückt werden darf. Eine Situation, in der ihm nicht zugehört wird, sondern alles einfach erwartet und eingefordert wird – ohne Wenn und Aber. Eine Situation, in der es so überfordert ist, dass der einzige Weg ist, alle eigenen Bedürfnisse weit wegzudrängen, nichts zu fühlen und einfach zu machen. In der es sich so unter Druck gesetzt fühlt, dass es versucht, die Emotionen nicht mehr zu spüren. Nur noch durchhalten zählt. Funktionieren. Machen. Durchhalten. Nicht stehen bleiben. Dort will es nie wieder hin.

Schutz durch Erkrankung

Und genau hier setzt die Erkrankung ein, denn die schützt. Schützt, weil keine Leistung erbracht werden kann. Aufgrund der Erkrankung. Schützt vor Überforderung, indem Symptome stärker werden. Schützt, indem der Kopf bei jeder neuen Situation ihr einredet, dass sie vollkommen überfordert ist und unter Druck gesetzt wird. Selbst wenn objektiv gar kein Druck ausgeübt wird. In ihrem Kopf schon. Sofort geht der Panikmodus an. Nur – es ist nicht das kleine Kind, das gerade hier steht. Nein, ich bin es. Eine Frau Mitte 30, die eigentlich einen starken gesunden erwachsenen Anteil in sich haben sollte, es leider nur nicht hat. Oder diesen gerade nicht findet. Ihm keinen Raum lässt. Überrannt und niedergeschrien wird von lauten, fordernden und strafenden Stimmen. Stimmen, die unglaublich viel Druck ausüben. So viel Druck, dass ich mich überfordert fühle. Also das kleine Kind in mir, dass darauf reagiert. Der erwachsene Anteil ist nicht mehr vorhanden in diesen Momentan. Das Kind, das nicht weiterweiß. Das erstarrt. Und so stehe ich wie gelähmt da und betrachte die Scherben um mich herum. Betrachte nur. Drehe mich weder in die eine, noch die andere Richtung. Entscheide mich weder für die eine, noch die andere Möglichkeit. Denn gerade ist es leichter und gefühlt sicherer, einfach so hier zu stehen. Kaum etwas zu spüren. Außer Überforderung. Doch das reicht. Soll dazu wirklich noch Schmerz, Trauer, Angst und was nicht sonst so auf mich wartet, sobald ich mich bewege, hinzukommen? Denn all das wird kommen.

Gefühle wollen gefühlt werden

Egal für welchen Weg ich mich entscheide. Sobald ich mich bewege, muss ich fühlen. Werde ich fühlen. Werde ich überrollt werden. Denn ich weiß nicht, wie man Emotionen angemessen reguliert. Werde ich irgendwie mit den krassen Emotionen umgehen müssen. Doch kann es nicht. Für mich gibt es dort keinen Dimmer, nur einen An- und Ausschalter: Gefühle an oder aus. Fertig. Doch angeblich soll man sie dimmen können. Regulieren können. Nur habe ich das nie gelernt. Es erscheint mir ziemlich unmöglich. Denn ich kenne nur: Sie sind da oder eben nicht. So war es immer. So ist es normal für mich. Solange ich hier stehe, sind sie nicht so stark. Spüre ich sie kaum. Nur, dass das eben keine Lösung ist. Die Lösung lautet, Regulation lernen. Irgendwie. Denn das scheint das „Normale“ zu sein. Nicht der An- und Ausschalter, sondern der Dimmer. Wie? Keine Ahnung. Langsam, vermute ich. In Mini-Schritten. Und mit Hilfe. Damit ich sicher bin. Damit nichts passieren kann.  Denn so wie jetzt geht es wohl kaum weiter. So wie es gerade ist, spüre ich mich oft kaum. Nur manchmal.

Manchmal würde ich am liebsten laut schreien. Doch mein Hals ist zugeschnürt, es kommt kein Ton über meine Lippen. So sehr ich mich auch bemühe.

Anmerkungen:
Text: Mai 2022.
Foto: Petershof, April 2022 ©Kristine.

Ein Kommentar

  1. Christine

    Oh mann!! Wie schwer es sein muss etwas als Erwachsene(r) zu lernen, was man hätte als Kind viel leichter und natürlicher lernen müssen! Deine Bezugspersonen haben ihre Verantwortung nicht erfüllt und haben dich nicht Kind sein lassen! Das ist wirklich sehr traurig!

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