Wege raus aus dem Dunkel
Magersucht – mein Weg
Magersucht – mein Weg

Magersucht – mein Weg

Die ersten Zweifel

Ich und magersüchtig? Kann nicht sein… Oder doch? Irgendwo (tief?) in mir habe ich mich schon lange gefragt, ob es „normal“ ist, Kaffee und Sprudelwasser nur deshalb zu trinken, weil ich dann weniger Hunger verspürte. Lieber Öl beim Kochen wegzulassen und dafür ganz viel Gemüse zu essen. Zwischendrin lieber auf Obst oder Gemüse, anstatt auf ein Brot zurück zu greifen und mir einzureden, natürlich sei ich nach einer Mandarine satt. Mich schlecht zu fühlen, wenn ich mal Pizza oder sowas aß. Lieber Sorbet anstatt Milcheis zu essen und natürlich im Becher, nicht in der Waffel, weil alles andere zu viele Kalorien hat. Oder die Waffel wegwerfen, weil „sie nicht schmeckt“. Dauernd den Oberschenkelumfang zu messen und sich Sorgen zu machen, dass er zu dick wird. Den Bauch lieber gar nicht erst angucken, denn der ist ja offensichtlich zu dick. Oft Hunger zu haben, aber unfähig sich zu entscheiden, was man essen möchte. Lieber tausend „kleine“ Sachen zwischendurch zu essen, anstatt ordentliche Mahlzeiten, weil das Völlegefühl einfach nur Ekel hervorruft. Und Unsicherheit. Fast immer etwas liegen zu lassen, einfach, weil aufessen sich falsch anfühlt. Sich darauf zu konzentrieren, was „wirklich gesund“ ist, um ausreden zu haben, andere Sachen nicht zu essen. Weniger zu essen, wenn man Sport gemacht hat („Es muss sich ja lohnen.“). Dauernd große Angst vor dem Zunehmen zu haben. … Ich könnte glaube ich stundenlang so weiter machen.

Heute kann ich ganz klar sagen: Nein, das ist NICHT gesund!!

Was umfasst „Magersucht“ eigentlich?

Nach den ICD-10 Kriterien müssen für eine Magersuchtsdiagnose folgende Symptome vorliegen:

  • BMI <17,5 (Zum Vergleich: Als Frau in meinem Alter ist ein BMI von 20 „normal“, ich bin mit 16,16 in die Klinik gekommen)
  • selbst herbeigeführter Gewichtsverlust durch Vermeidung von energiereicher Nahrung + entweder selbstinduziertes Erbrechen/ Abführen, Gebrauch von Appetitzüglern, übermäßige körperliche Aktivität
  • Körperschemastörung (ich sehe im Spiegel eine pummelige Person, auch wenn ich untergewichtig bin)
  • endokrine Störung (bei Frauen: Ausbleiben der Periode)

Unbeschwert Essen?!

Wenn ich so zurück blicke, erinnere ich mich kaum an eine Zeit, an der ich unproblematisch das essen konnte, worauf ich wirklich Lust hatte. Mir fällt im Prinzip nur ein Jahr ein – ein Jahr, in dem ich in Neuseeland war. 2007/2008. Direkt nach dem Abi. Ich erinnere mich an den einen Moment, als wäre es heute: Ich ging in Christchurch die Straße entlang und dachte plötzlich: „So gut ging es mir noch nie. Körperlich und psychisch! Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal Bauchschmerzen hatte? Den Moment muss ich festhalten!“ Ich war einfach nur glücklich und zufrieden. Nein, ich war nicht komplett zufrieden mit meinem Körper, von mir aus hätte es etwas weniger sein können, aber irgendwie störte es mich kaum, weil es mir körperlich einfach so gut ging, wie noch nie zuvor in meinem Leben; trotz oder vielleicht auch wegen des Gewichts (mein Höchstgewicht). Und weil ich nicht mehr darauf achtete, was ich aß und wann, sondern dann, wenn ich Hunger hatte und das, worauf ich Lust verspürte. NICHT das, was vermeintlich gesünder ist oder weniger Kalorien hat. Beim Einkaufen kaufte ich nach Lust und Laune ein, OHNE bei jedem Produkt hinten die Inhaltsangaben zu studieren und ohne abwägen zu müssen, ob ich das wohl essen kann oder nicht und falls ja, was ich dann weglassen muss.

So leicht war es danach nie wieder. Während der Uni-Zeit aß ich oft Kartoffeln mit Magerquark, weil es wenig Kalorien hatte, nicht weil ich es mochte. Mit meinem damaligen Freund lief es dann einige Zeit wieder deutlich besser, obwohl ich mich oft überwinden musste, wenn er mit deutlich mehr Fett kochte, als ich es jemals tun würde. Aber ich redete mir durchweg ein, dass alles in Ordnung sei, immerhin nahm ich ja nicht ab, aß auch Süßkram etc.

Alarmglocken – ich höre euch klingeln

Im Nachhinein betrachtet klingeln bei mir da natürlich sämtliche Alarmglocken. ABER: Ich war ja nie wirklich dünn, nie im Untergewicht, sondern immer im Normalbereich. Und ich habe gegessen. Die „fehlenden“ Kalorien habe ich dann mit Alkohol ausgeglichen. Interessanterweise habe ich jetzt, wo ich meistens „normal“ esse, viel weniger Lust auf Alkohol, mein Körper ist eben gesättigt. Das war er damals nicht. Und spannender Weise hatte ich mit Alkohol selten Probleme, obwohl der ja nun wirklich viele Kalorien hat. Vor allem, wenn man viel Wein/Sekt oder Bier trinkt. Nur eine kurze Phase lang habe ich immer Vodka-SpriteZero getrunken, aber die war super kurz. Dann doch liebr wieder Wein. Außerdem half mir der Alkohol auch – er hat ja viele „Vorteile“: Es ist leichter, mit Leuten zu kommunizieren, leichter zu vergessen, leichter sich leicht zu fühlen, leichter, seine Gedanken nicht zu hören, etc.

That’s it – Der Zusammenbruch

Das ging so lange gut, bis ich aufgrund einer schweren Depression zusammenbrach. Von heute auf Morgen hatte ich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich keine Kraft mehr und lag fast nur noch im Bett. Selbst der Weg in die Küche und ins Bad erschienen mir fast unmöglich zu meistern. Teilweise war ich zu schwach und zu überfordert, mir überhaupt etwas zu essen zu machen – zum Glück ist da mein Partner regelmäßig eingesprungen. Hinzu kam das ständige Liegen, mangelnde Bewegung und dann kamen noch Antidepressiva hinzu – das war zu viel, denn hört man nicht immer, dass die dick machen? Und wenn ich den ganzen Tag herum liege, dann brauche ich doch viel weniger Essen, ich verbrenne doch nichts? Also fing ich an, weniger zu essen bzw. anders. Kohlenhydrate reduzieren, lieber erst mal viel trinken, bevor ich was esse, lieber Obst/ Gemüse. Und immer weniger Kohlenhydrate, aber so, dass es nicht auffällt. Wenn ich wusste, es gibt noch Kuchen oder ähnliches später, habe ich halt weniger zu Mittag gegessen. Das hielt sich aber alles noch in Grenzen, ich nahm zwar ab, aber nur langsam und es fiel erstmal nicht auf. Oder zumindest redete ich mir das ein. In meiner Therapiegruppe wurde es ein paar mal angesprochen, doch ich sagte, es sei alles ok. Ich esse völlig normal. Aber das stimmte nicht. Die Angst vor Lebensmitteln wuchs. Je größer die Auwahl, desto größer die Überforderung und die Unfähigkeit mich zu entscheiden.
Das wurde mir vor allem bewusst, als wir Weihnachten bei der Mutter meines Partners waren und dort mit seiner Familie „Pfännchen“ gegessen haben. Jeder hat eine kleine Pfanne und eine Flamme und brät und kocht sich so sein Essen zusammen. Wie beim Raclette steht dabei ganz viel auf dem Tisch und man muss selbst entscheiden, was man isst. Das hat mich so dermaßen überfordert, dass ich einfach nur viel getrunken habe und in ein wenig Reis herum gestochert habe – ich wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte. Ich war den Tränen nahe, aber es war mir so unangenehm und peinlich, dass ich einfach sagte, ich hätte keinen Hunger.

2019

Der letzte Tropfen

Und dann kamen kurz darauf neue Medikamente hinzu (ich hatte mittlerweile bestimmt schon 4 verschiedene Antidepressiva ohne Wirkung ausprobiert). Die brachten das Faß zum Überlaufen: Die Nebenwirkungen waren sehr stark: 3 Tage lang so starke Migräne, dass ich nichts essen und kaum was trinken konnte. Danach normalisierte sich mein Essverhalten nicht mehr. An manchen Tagen aß ich praktisch nur Obst und Gemüse, vielleicht noch alibimäßig ein paar Kohlenhydrate. Das ging so lange gut, bis mein Therapeut in der Gruppe sehr deutlich sagte, dass er der Ansicht sei, ich sei magersüchtig. Das stritt ich aus reinem Reflex erst einmal ab. Aber es arbeitete in mir und ehrlich gesagt, fand ich es auch nicht so toll, den ganzen Tag Hunger und Angst vor Lebensmitteln zu haben. Was nun? Mein BMI war doch nicht so niedrig, dass es Magersucht sein kann… Also habe ich meinen Mut zusammen gesammelt und mir Hilfe beim FrauenLeben e.V. – einer Beratungsstelle in Köln – geholt. Dort habe ich ein langes Gespräch mit einer Mitarbeiterin geführt. Das hat mir die Augen geöffnet und ich habe mich sofort an die von ihr empfohlene Klinik am Korso in Bad Oeynhausen gewendet, die auf Essstörungen spezialisiert ist. Einige Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse später und einigem Hin und Her, hatte ich Anfang Herbst einen Aufnahmetermin: 8 Wochen stationärer Aufenthalt standen mir bevor.

Zum Glück war mir das am Anfang nicht so klar

Klinik? Bin ich denn krank genug?

Obwohl ich mich ziemlich schnell in der Klinik angemeldet habe, herrschten Zweifel vor: Ist das wirklich Magersucht? So schlimm ist es doch nicht? Stell ich mich vielleicht einfach nur an? Müsste ich mich nicht nur zusammen reißen? Es gibt doch viele, die viel dünner sind als ich. Bin ich überhaupt krank genug? Mein BMI ist doch auch gar nicht soooo niedrig und meine Periode habe ich doch auch noch. Außerdem sehe ich mich doch im Spiegel – wer so pummelig ist, kann doch nicht magersüchtig sein?

Jetzt weiß ich – auch das gehört zum Krankheitsbild Magersucht. Man kann magersüchtig sein und dennoch seine Periode noch haben. Ganz abgesehen davon, fiel diese noch vor Klinikaufenthalt auch bei mir aus.
Dennoch wurde eine atypische Magersucht diagnostiziert. Atypisch warum? Nun ja, die meisten Menschen mit Magersucht WOLLEN abnehmen, weil sie sich als zu dick empfinden. Ich wollte nicht unbedingt abnehmen, hatte „nur“ panische Angst davor zuzunehmen. Deswegen aß ich immer weniger. Nicht um abzunehmen, sondern um nicht zuzunehmen.

Ein sehr verbreitetes Problem…

Glaubenssätze

Das mag sich ein wenig merkwürdig anhören, aber in mir haben sich Glaubenssätze wie „nur wer schlank ist, ist attraktiv, nur wer attraktiv ist, ist erfolgreich“, „wer dick ist, ist faul“, „wer schlank ist, ist attraktiv, wer dick ist, ist unattraktiv“ und viele mehr festgesetzt. Sätze, die mich geprägt und mich verfolgt haben und teilweise immer noch verfolgen. Dass sie so nicht stimmen, weiß ich mittlerweile.

Aufzeichnungen aus der Klinik: Alte Glaubenssätze – neue Regeln

45kg – klares Untergewicht!

Und so saß ich nun da: Mit 45kg in einer stationären Klinik. Der erste Tag war die Hölle. Ich kam zur Mittagszeit an und musste direkt mitessen. Ich dachte nur: Wie soll ich diese riesigen Portionen jemals schaffen?!? Das ist doch wohl ein Scherz… Das kann keiner Ernst meinen. Zum Glück waren die anderen nett und sagten, keiner schaffe die Portion am ersten Tag, ich solle erst einmal in Ruhe ankommen.
Doch bereits am zweiten Tag dachte ich: Ganz oder gar nicht!! Von da an zwang ich mich, immer (naja, meistens) alles aufzuessen. Egal wie übel mir war, egal wie ich mich geekelt habe, egal, wie fett ich mich gefühlt habe, egal, wie stark die Bauchschmerzen waren. Das Ziel stand fest: Ich will gesünder raus kommen, als ich rein gekommen bin und dafür muss ich stur aufessen. Komme was wolle. Das war vor allem deshalb so schlimm, weil man die ersten Wochen auch nicht raus darf, sich nicht bewegen darf. Vorher war ich nach dem Essen und sowieso dauernd viel draußen, bin spazieren gegangen, joggen, habe Sport gemacht etc. Alles verboten. Ich weiß nicht mehr, wie ich die ersten Tage durchgehalten habe, aber es war eine Qual. Weinkrämpfe, Verzweiflung, starker Ekel, Frust, Resignation – alles dabei. Und dann wurde es irgendwann ein wenig besser. Sehr langsam, aber immerhin. Wobei, mein Gewicht stieg ziemlich schnell, was mich total überforderte, weil meine Psyche nur seeeeeeeehr langsam mitkam. 8 Wochen sollte der Aufenthalt dauern – aber nach 8 Wochen war ich nicht bereit zu gehen. Ich wusste, wenn ich jetzt gehe, falle ich zurück. Zum Glück konnte ich um 4 Wochen verlängern und das hat mir im Endeffekt wohl auch das Leben gerettet. Denn in den letzten 4 Wochen habe ich mich weiter stabilisiert, weiter zugenommen, mir Hilfestellungen gesucht für die Zeit danach und an der emotionalen Verarbeitung weitergearbeitet. Am Ende saß ich dann mit einer Freundin am Tisch und und wir haben darüber diskutiert, wie man überhaupt von den kleinen Portionen satt werden soll. Den gleichen Portionen, von denen ich dachte, ich werde sie niemals aufessen können. Aber der Magen gewöhnt sich an die Portionen. Und der Körper fängt an, sich zu regenerieren. Was dazu führt, dass man, wenn man wieder anfängt richtig zu essen, ein krasses Hungergefühl irgendwann spürt. Das hat mir total Angst gemacht, auch wenn mir circa 100 Mal erklärt wurde, dass es, solange man im Untergewicht ist, einfach da ist. Damit umzugehen, ist total schwierig. Frust, Ekel, Verzweiflung, Weinen, Panik, Angst, etc. Es ekelt mich – leider immer noch – irgendwie an, wenn ich so starken Hunger verspüre. Es überfordert mich, weil ich nicht weiß, was ich noch essen soll. Und manchmal war der Magen so voll, dass wirklich nichts mehr rein ging, aber der Körper schrie nach mehr, einfach, weil noch einiges bis zum Normalgewicht fehlte. Das hat mich oft an den Rand der Verzweiflung getrieben und ich musste lernen, zusätzliche Snacks zu essen. Das war riesiger Lernprozess. Aber glücklicherweise hatte ich zum Schluss eine Verbündete und wir haben uns gegenseitig gepusht und durch die schwierigen Phasen getrieben. Das hat geholfen. Uns beiden! „EINFACH MACHEN“ – Ein Motto, das ich mir noch oft vorsage, wenn es mal wieder schwierig ist.

Abschiedsgeschenk einer Freundin aus der Klinik zur Erinnerung an unser Motto

Ähm… Wie soll ich das alleine schaffen?!

Die Rückkehr ins „normale“ Leben war die nächste Herausforderung. In der Klinik hatte ich zum Schluss keine Probleme mehr damit die vorgegebenen Portionen zu essen, denn die waren ja insgesamt ausgerechnet und kalorienmäßig im Normalbereich. Immerhin haben sowohl die Magersüchtigen, als auch die Menschen mit Adipositas das gleiche bekommen. Also müssen es normale Portionen sein. Aber was ist eine normale Portion?! Das ist gar nicht so einfach alleine zu entscheiden. Also habe ich am Anfang alles abgewogen. Was grundsätzlich vielleicht eine gar nicht so schlechte Idee ist, wurde schnell zum Zwang: 1 Gramm mehr Haferflocken zum Frühstück als gestern? Geht auf keinen Fall!! Also wieder was zurück ins Glas. Lieber mal ein bisschen weniger nehmen, das ist „sicherer“. Und so lief ich Gefahr, mich selbst zu verarschen. Also bin ich irgendwann nicht auf Gewicht, sondern „Löffel“ umgestiegen. Ich hatte ja in der Klinik gelernt, dass soundsoviele Löffel Müsli eine Portion sind. Na gut, und Nüsse und Milch. Kein Wasser. Himmel war das anstrengend am Anfang. Und die Löffel wurden dann auch wieder kleiner. Denn man kann einen vollen, einen halbvollen, einen gestrichenen, einen „er ist doch quasi voll“ Löffel nehmen. Also stieg ich irgendwann um auf „handvoll“. Damit hantiere ich beim Frühstück immer noch und kämpfe auch, wenn ich mal mehr rein tue. Aber zum Glück ist es ohnehin nur noch eine „circa“ Abmessung, sodass ich nicht mehr jedes Gramm kontrollieren kann. Wenn wir kochen, wiege ich mittlerweile nichts mehr ab, kann unproblematisch mit Öl und Sahne kochen und will einfach nur, dass es schmeckt. Das ist eine so große Erleichterung, ich hätte nie gedacht, dass ich da mal hinkomme! Mittagessen stellt bislang die größte Herausforderung dar und damit kämpfe ich momentan auch noch. Naja, und mit den Zwischenmahlzeiten auch manchmal. Wenn ich Mittags mehr als 2 Brote esse, fühle ich mich schlecht. Egal, wie viel Hunger ich hatte. Und ich fühle mich auch immer noch „gut“, wenn ich morgens mal anstatt der 2 Brötchen, die ich essen „sollte“ (in der Klinik gelernt), nur 1 esse. Da kommt dann die Essstörung doch durch und freut sich. Aber ich versuche darauf zu hören, wie viel Hunger ich noch habe und mich danach zu richten, anstatt zwanghaft an feste Vorgaben.

Essensprotokoll als Hilfe

Ich habe fast 1 Jahr lang nach der Klinik täglich ein Essensprotokoll geführt, inklusive meiner Gefühlswelt und meinem Hunger- und Sättigungsgefühl nach den Mahlzeiten. Ich hatte einen einlamminierten Wochenplan, auf den ich immer eine Woche lang alles eingetragen habe und so den Überblick behielt, ob ich „ok“ oder „schlecht“ gegessen habe. Das hat mir Sicherheit gegeben und tat gut. Ein wenig Kontrolle, wo ich doch das Gefühl hatte, alle Kontrolle abgeben zu müssen. Mittlerweile kann ich auch ohne diese Aufzeichnung gut einschätzen, ob ich „normal“ oder „essgestört“ gegessen habe. Natürlich gibt es Tage, an denen es nicht gut läuft und ich definitiv zu wenig esse. Dann höre ich die Essstörungsstimme in meinem Kopf wieder lauter, wie sie sich freut oder mir sagt, ich solle noch weniger essen. Aber es gibt viel mehr Tage, an denen ich stärker bin als die Stimme und esse. Einfach, weil ich Hunger habe. Einfach, weil ich will. Einfach, weil es an der Zeit ist gesund zu werden.

Wochenplan mit den Mahlzeiten wie in der Klinik (ZM = Zwischenmahlzeit)

Loslassen, Kontrolle abgeben und springen

Und auch wenn vieles gut läuft, so ist es doch noch jeden Tag ein kleiner Kampf.
Zusammenfassend kann man es vielleicht so verdeutlichen: Jeden Tag muss ich springen. Springen, ins Ungewisse. Ich muss loslassen (die Essstörungsgedanken und -gefühle). Ich muss den Mut aufbringen, die Kontrolle abzugeben, loszulassen und zu springen, das heißt für mich, komplett entgegengesetzt zu meinem Gefühl und meinen Gedanken zu handeln, denn die raten mir doch noch regelmäßig vom Essen ab. Ich muss darauf vertrauen, dass es besser wird, ohne, dass ich es weiß. Ich muss darauf vertrauen, dass ich nicht zu viel zunehme, sondern mir dadurch helfe. Ich muss darauf vertrauen, dass ich das Richtige tue. Es fühlt sich an, als würde ich in ein tiefes, dunkles Loch springen, ohne den Boden zu sehen und ohnen zu wissen, was mich unten erwartet. Und das jeden Tag. Das kostet Kraft und Energie. Macht Angst und überfordert manchmal. Aber ich hoffe, dass es irgendwann leichter wird.

Körpergefühl/ -bild

Was mir noch fehlt, bzw. mir sehr große Schwierigkeiten bereitet, und woran ich arbeiten will und werde, ist mein Körpergefühl bzw. Körperbild. Wenn ich mich im Spiegel betrachte, sehe ich eine um den Bauch und die Beine herum etwas pummelige Person. Rational weiß ich, dass das nicht stimmen kann, denn mein BMI ist immer noch ein ganz klein wenig zu niedrig. Aber das ist eben auch Teil der Essstörung – sie suggeriert dir ein verzehrtes Körperbild (Körperschemastörung). Um mit der Zunahme und meinem Körper zurecht zu kommen, versuche ich Klamotten anzuziehen, in denen ich mich wohl fühle. Vor allem nicht zu enge, weil ich dann wieder Angst bekomme, dass ich zu dick sei und denke, ich müsste nun aber definitiv weniger essen, weil die Hose ja schon so eng ist. Direkt nach meinem Klinikaufenthalt habe ich auch alle Hosen entsorgt, die schon mit den 45kg vor der Klinik eng waren. Außerdem mache ich regelmäßig Yoga, um einen besseren Zugang zu meinem Körper zu bekommen. Auch das hilft mir, mich wohler zu fühlen.

Selbstfürsorge

Selbstfürsorge und Grenzen setzen ist extrem wichtig und ich lerne immer mehr dazu. Wenn andere über Kalorien, abnehmen, Diäten etc sprechen, sage ich direkt: STOPP oder ziehe mich aus der Situation zurück, weil mich das triggert (sprich, meine Essstörung wird direkt wieder lauter und ich überlege, ob die nicht recht haben und ich nicht vielleicht weniger essen sollte). Ich kann auch in keine Selbsthilfegruppe gehen, weil mich sehr dünne Leute triggern (Wieso darf die so dünn sein und ich muss essen?!). Menschen um mich herum unterstützen mich zum Glück und freuen sich für mich, wenn ich mal wieder zugenommen habe. Denn ich kann mich darüber leider noch nicht freuen. Ich weiß, dass es gut ist, aber es ist schwer, die alten Glaubenssätze loszulassen. Noch schwerer ist es, die (vermeintliche) Kontrolle, die die Magersucht mir gab, abzugeben. Ich habe vor ein paar Wochen angefangen nach ca. 2 Jahren wieder zu joggen und direkt gemerkt, dass ich höllisch aufpassen muss. Denn sofort kam die Essstörung wieder und wollte mich „zwingen“ auch die nächsten Tage wieder laufen zu gehen, nach dem Joggen weniger zu essen und sowieso viel länger zu laufen. Zum Glück ist mir das sofort aufgefallen, sodass ich für mich Regeln aufstellen konnte und aufgestellt habe: Maximal 2x die Woche laufen und NIE 2 Tage hintereinander. Circa 30 Minuten sind ok, nicht länger. Und wenn der Bewegungsdrang kommt, aussetzen und aushalten. Das ist wichtig, denn ich möchte nicht wieder zurück fallen. Das mag ein wenig zwanghaft klingen, aber Regeln sind wichtig, Disziplin ist wichtig, um sich von der Essstörung zu lösen. Es ist harte Arbeit, kein gemütlicher Spaziergang. Das Schlimme dabei ist, dass ich merke, dass mir das Joggen im Hinblick auf meine Depression sehr gut tut und es dahingehend vermutlich sehr hilfreich wäre, mehr Cardio-Training zu machen. Aber momentan ist es für mich wichtiger, die Magersucht in den Griff zu bekommen. Denn wenn sie wieder kommt, verstärkt sich auch die Depression. Zur Selbstfürsorge zählt auch, dass ich versuche, nie hungrig und nie ohne Einkaufszettel einkaufen zu gehen, da ich sonst erschlagen werde von den Angeboten und gar nichts kaufen kann – dann fange ich wieder an, Inhaltsangaben und Kalorien zu überprüfen und zu vergleichen. Und zu guter Letzt habe ich gelernt, dass es ok ist, wenn es nicht jeden Tag gut läuft.

Hallo Erfolg!

Auch wenn der Weg noch furchtbar weit ist, so habe ich doch ein großes Stück schon geschafft und kann (nicht immer, aber ab und an):

  • wieder Eis in der Waffel essen, auch wenn eine Begleitung kein Eis isst
  • wieder ein ganzes Franzbrötchen am Stück essen und es genießen, anstatt es stundenlang oder tagelang zu essen
  • beim Yoga speziellere Figuren ausprobieren und lernen, da ich mehr Kraft habe
  • den Kuchen, den ich so oft backe, endlich auch selbst wieder essen UND – viel wichtiger – die Schüssel mit dem Kuchenteig auslecken
  • wenn es zwei oder drei verschiedene Kuchen gibt, jeden probieren und nicht nur maximal eine Gabel pro Kuchen
  • meine Gedanken auf etwas anderes als mein Hungergefühl richten, denn es ist nicht mehr so oft da, quält mich nicht mehr den gnzen Tag
  • gekauften, nicht von mir gebackenen, Kuchen essen – das ging jahrelang quasi gar nicht (viel zu viel Zucker, Fett etc)
  • beim Essen gehen das Gericht essen, auf das ich Lust habe, nicht das, was die vermeintlich wenigsten Kalorien hat
  • einkaufen gehen, ohne, dass es 2 Stunden dauert, weil ich JEDE Inhalts- und Kalorienangabe lesen muss. Ich kaufe einfach, worauf ich Lust habe bzw. was auf meinem Einkaufszettel steht.
  • Spontan irgendwo was zu essen holen? Geht wieder!! (Klar, nicht immer super gut, aber immerhin 😉 )
  • mein Essen mit Öl anbraten und dann noch Sahne ins Essen kippen – das hätte ich NIE gedacht.
  • Etc.

Mein Leben ist dadurch leichter geworden. Es liegt noch ein weiter Weg vor mir, das weiß ich, aber ich sehe auch, was schon alles gut funktioniert. Und auch im Hinblick auf die Partnerschaft vereinfacht es einiges, wenn beide halbwegs normal essen und ich mich nicht mehr so arg anstelle. Ich lasse jetzt sehr gerne meinen Partner kochen – das ging am Ende quasi gar nicht mehr, weil ich das alles nicht mehr essen mochte. Jetzt freue ich mich einfach nur, wenn er mal wieder gekocht hat, denn er ist eindeutig der bessere Koch von uns beiden.

Anmerkung:
Text: Mai 2021.
Foto: Vor meinem Klinikaufenthalt im Sommer 2019.

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